Die Waliser sind ein stolzes Volk. Außer ihren keltischen Wurzeln, ihrer Sprache mit so seltsamen Wörtern wie deffrwch und darganfyydais und ihrem Unabhängigkeitsstreben haben sie nicht viel. Ein strukturschwaches Gebiet, in dem man sich trotzdem nie aufs Handwerk verlegte, weil man, so heißt es, immer mehr vom Singen, Musizieren und Dichten verstand.

Also doch kein Zufall, dass nicht nur Bands wie die Manic Street Preachers und Stereophonics aus dieser schroffen Provinz stammen. Auch Catatonia, die gerade mit Paper Scissors Stone (Blanco Y Negro/WEA) ihr bislang schönstes Album herausgebracht haben, kommen aus Wales. Zum Wegschmelzen ist ihre Musik. Theatralisch bis an den Rand der Peinlichkeit, gewaltig und berührend.

Sanfte Streicher fließen ins Herz, dass es ganz mollig wird. Doch plötzlich sorgt auch wieder ein unerwarteter Halbton für Zwielicht, etwas bleibt vorsichtig in der Schwebe, und flehende Sehnsucht schleicht sich ein wie in einem der schlau komponierten und schönsten Lieder der Beatles. Oder wie in einem Remake alter Weisen bei Simon and Garfunkel. Von der Sängerin Cerys Mathews wird berichtet, sie habe ihren Part als trinkfestes Nachtschattengewächs so überreizt, dass sie sich von ihrem letzten Album lang habe erholen müssen. Das bringt die Rolle, die sie in ihrem Bandmodell einnimmt, so mit sich: die Frontfrau, die ihre Jungs im Griff hat wie vielleicht auch die Frauen von Garbage oder No Doubt, die sich nicht zum Feminismus äußern. Die nie jammern, dass sie für ihren Stand doppelt so schwer ackern mussten wie ihre Kollegen. Der Anspruch, männlicher sein zu wollen als ein Mann, lässt sie nur selten straucheln.

Cerys Mathews ist gestrauchelt, und das lässt sie nicht nur für Sensationslüsterne sympathisch gebrochen wirken. Es hat sie dazu gebracht, während einer Pause ihre umwerfende Stimme so zu entwickeln, dass man manchmal an Björk denkt. Oder an Kate Bush. Im Schatten gereifter Mädchenpower: "If I've sounded distant thus far, it's 'cos I'm as lost as you are", singt Mathews glühend. Es gibt ein herrlich schwermütiges Lied für eine schöne Verliererin und eins für ein Mädchen vom Land in der großen Stadt.

Ja, Kate Bush, die zierliche, leicht bekleidete Frau, allein auf einem Hügel im Nebel, die mit zerzaustem Haar und irrem Blick auf den Liebsten wartet, sich dabei eine Lungenentzündung holt, aber trotzdem bekommt, was sie will, diese zarte, starke Kindfrau ist es, deren Text auch Cerys Mathews gern singt. Wie von einem Berg in Wales herunter, wo es karg ist und kalt und wo nicht viel übrig bleibt, als sich Mut zuzusingen. Bis einem wärmer wird.