So etwas hatte Roberto Lufschanowski noch nie gesehen. Als der Patient vergangenes Jahr auf einer Liege in die Notaufnahme des noblen Texas Heart Institute in Houston gerollt kam, konnte er noch nicht mal mehr den Kopf heben. "Es sah aus", erinnert sich der Kardiologe, "als hätte man einer Marionette die Fäden gekappt." Der Gelähmte war bei vollem Bewusstsein - über Schmerzen klagte er nicht.

Ein Medikament gegen zu viel Cholesterin im Blut hatte den 70-jährigen Rentner offenbar paralysiert. Nach Einnahme des Cholesterinsenkers Baycol (in Deutschland heißt das Präparat Lipobay) lösten sich seine Muskeln auf, massiv schwemmten Abbauprodukte in seine Adern, die Nieren drohten zu verstopfen.

"Mit großen Mengen Flüssigkeit und Bicarbonaten", sagt Lufschanowski, "konnten wir ihn retten." Nach einer Woche war der Patient wieder hergestellt. In weltweit 52 Fällen jedoch endete der Muskelkollaps fatal, die Patienten starben. Vier Jahre nach seiner Einführung nahm am Mittwoch vergangener Woche Produzent Bayer sein Produkt Lipobay vom Weltmarkt.

"Freiwillig", wie Bayers Vorstandsvorsitzender Manfred Schneider am Montag in einer Pressekonferenz betonte, keineswegs auf Anweisung der Aufsichtsbehörden. Nur in Japan wird es weiter verkauft - aber auch für diesen Markt sieht Bayer-Pressesprecher Michael Diehl schwarz, das Produkt sei so gut wie tot. Auch in Deutschland gab es sechs Todesfälle, die in Zusammenhang mit der Einnahme von Lipobay gebracht werden. Prompt war die Rede von einem Medikamentendebakel. Haben Bayer und die Ärzte ein zu hohes Risiko in Kauf genommen? Hätten aufmerksamere Behörden oder bessere Tests die drastischen Nebenwirkungen verhindern können?

Ulrich Hagemann, stellvertretender Leiter der Abteilung für Arzneimittelsicherheit am Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM), gibt zu bedenken, dass 52 Tote bei sechs Millionen behandelten Patienten sehr wenig sind. Das sei aber nicht der Punkt. "Allein das relative Risiko ist interessant", sagt Hagemann. Es geht um die Frage, ob das Medikament in seiner Klasse bei gleichem Nutzen gefährlicher ist als seine Mitbewerber. Zehnmal häufiger als mit den Konkurrenzpräparaten soll es bei Lipobay zu Zwischenfällen gekommen sein. "Sicher ist das nicht", sagt Hagemann, "schließlich hören wir nur von den Fällen, die spontan gemeldet werden."

Doppelte Portion für die USA

Lipobay ist ein Vertreter der Statine, die die Produktion des arterienverkalkenden Cholesterins in der Leber drosseln. Von allen sechs Statinen ist bekannt, dass sie, sehr selten, Muskelschmerzen und im Extremfall sogar die Muskelauflösung (Rhabdomyolyse) hervorrufen können.