Der Sommer ist auch auf den Pariser Boulevards ins Regenloch gefallen.

Nasskalt kriecht der Juli durch die fabelhafte Welt der Amélie. In den Gassen von Montmartre, die im Sensationsfilm der Saison wie durch eine altrosa Brille gesehen und von kuscheligen Wolken in Kaninchen- und Teddybärform überwölbt werden, changiert die Farbe zwischen Maus- und Hausgrau. Und der Himmel: mal wieder nur ein umgekehrter Spucknapf, wie ihn schon Henry Miller während stiller Tage im nahen Stadtteil Clichy verfluchte.

Doch immerhin thront als Sahneklops obendrauf das Sacré-Coeur - an diesem Tag ein besonders weiß gewaschenes Wunder zweifelhaften Geschmacks. Das kommt vom Kesselstein, der bei Schlechtwetter aus den Poren des Gemäuers dringt und den ganzen Haufen leuchten lässt.

Die Lust am Strahlen hat auch Claude Labbé ergriffen. Aus anderen Gründen allerdings und völlig witterungsunabhängig. Seit Mitte der achtziger Jahre betreibt er das Café des Deux Moulins in der Rue Lepic, Montmartres Hauptgeschäftsstraße. Ein Laden, der seinen Mann ernährte, aber nie genug abwarf, um der Einrichtung im Stil der fünfziger Jahre ein Lifting zu verpassen. Schwein gehabt, findet Monsieur Labbé im Nachhinein. Denn der Kupfertresen, die Wand mit dem exotischen Vogelmosaik, die altmodische Neonbeleuchtung lieferten dem Regisseur Jean-Pierre Jeunet - übrigens selbst einer von 30 000 Montmartrois - die perfekte Kulisse für sein poetisches Filmmärchen von Amélie Poulain.

Vor der Spiegelwand mit den Flaschenregalen ließ Jeunet das Serviermädchen mit den Knubberkirschenaugen hantieren. Eine Göttin der kleinen Dinge, die mit Tricks und Mauschelei das Glück unter die einfachen Leute brachte und das französische Kino in die Schlagzeilen. Über Nacht wurde ein Star geboren: die 22-jährige Audrey Tautou in der Rolle der fabelhaften Amélie. Eine unverhoffte Erfolgswelle rollte an: mehr als sechs Millionen Zuschauer in drei Monaten, Empfang der Schauspieler im Élysée-Palast und jede Menge Fans auf Streifzug zu den authentischen Schauplätzen im 18. Arrondissement.

Das hebt die Stimmung bei den Händlern in der Rue Lepic. Im Zuge der Euphorie haben viele das Filmplakat mit der verschmitzt lächelnden Hexenmeisterin ins Schaufenster geklebt. Wie zum Beispiel Michel Langlois, lebensfroher Schlachter und erster Vorsitzender der vereinigten Geschäftsleute von Montmartre. Von den sechs Millionen Touristen, die jährlich zum Sacré-Coeur pilgern, profitiert die Straße kaum. Hier bleiben wir ziemlich unter uns. Ein Leben wie im Dorf. Aber Amélie Poulain hat uns eine neue Laufkundschaft beschert.

An diesem verregneten Morgen bleiben die Kulissenstürmer im Deux Moulins gleich mehrere Milchkaffees lang. Ihr gemeinsames Markenzeichen: Fast andächtig lassen sie die Blicke durch den Raum schweifen, lächeln so wissend, als wären sie Hüter des Grals. Ehrlich gestanden bin ich aber etwas enttäuscht. Das ist nicht der Ort der Gefühle, den ich gesucht habe, sagt angesichts der entzauberten Realität die Abiturientin aus Biarritz, die den Film schon dreimal gesehen hat und aus Schwärmerei für Amélie nach Paris aufbrach.