Diese Zeitung - ein bisschen Eigenlob muss sein - hat sich und sicherlich auch vielen Leserinnen und Lesern Mitte der achtziger Jahre ein wiederholtes Vergnügen daraus gemacht, jene Kolumne nachzudrucken (in der fabelhaften Übersetzung von Burkhart Kroeber), die Umberto Eco im März 1985 unter dem Titel La Bustina di Minerva für die letzte Seite des römischen Nachrichtenmagazins L'Espresso zu schreiben begonnen hatte. Gewiss zur Freude aller, die davon gar nicht genug kriegen konnten, bietet ein kürzlich bei Hanser erschienener Band mit einer Auswahl von Texten der in L'Espresso bis heute liebevoll gepflegten Kolumne jetzt die Möglichkeit zum Nachschlag - Umberto Eco: Derrick oder die Leidenschaft für das Mittelmaß.

Derrick, nun ja. Keine falschen Erwartungen. Ein wenig muss hier der deutsche Oberinspektor als Köder für den deutschen Leser Dienst tun. Der Titel des Bändchens ist leicht irreführend, trifft in die Mitte, aber nicht voll. Sagen wir es so: Derrick kommt auch vor. Wie gleichfalls, nichts liegt bei Eco näher, Homer vorkommen könnte. Denn so hatte sich der brillante Satiriker und Philosoph, Schriftsteller und Professor an der Universität Bologna seine Kolumne von Anfang an gedacht, "daß ich, falls es mir eines Abends aus ganz persönlichen Gründen einfallen sollte, über Homer nachzudenken, darüber schreiben würde". Also hat er, als es ihm eines Abends einfiel, über Derrick nachzudenken und über die "im Licht des gesunden kritischen Menschenverstandes" schier unbegreifliche Popularität dieser auch in Italien überaus populären deutschen Fernsehserie, über Derrick geschrieben, unter anderem den unvergesslichen Satz: "Seine Schuldigen sehen so unverschämt schuldig aus, daß sie gewöhnlich sogar von Harry erkannt werden ..." Keiner richtet so nett hin wie Umberto Eco.

Im Umgang mit dem Leser fürsorglich, merkt er in einem einleitenden Wort zu den vorliegenden Zeugnissen seiner unkonventionellen Weltbetrachtung an: Man werde sehen, dass viele Texte keinen Bezug zu aktuellen Geschehnissen haben.

Und erklärt, wie er es natürlich schon in seiner allerersten Bustina getan hat, was man wissen muss, wie nämlich dieser schöne rätselhafte Titel über die Kolumne gekommen ist. La Bustina di Minerva, das ist, ganz prosaisch, von den Streichholzheftchen hergeleitet, die eine Firma namens Minerva unter die Leute bringt - solche Streichholzheftchen, auf deren Deckel man sich Notizen macht, wenn man im Restaurant sitzt oder in der Eisenbahn und einem etwas durch den Kopf geht, das man festhalten möchte. Eine Telefonnummer oder "Mafia" oder "Wer waren diese Kelten?". Oder "Derrick". Oder "Homer". Mögen viele der Streichholzbriefe ohne Bezug zu aktuellen Geschehnissen Gestalt angenommen haben - Bezug zum aktuellen Geschehen hatten sie immer. Stößt ihr Autor doch selbst in seinen sonderbarsten Gedankengängen auf Eco-typisch überraschende Weise immer wieder mitten hinein in die irre Gegenwart und ihre aktuellen Kalamitäten. Dass er über das, was ihm auffällt, schreibt, was ihm einfällt, oft jenseits aller Schlagzeilen-Aktualität, hält seine hintergündigen Bemerkungen über den Lauf der Dinge, mögen sie auch gestern schon geschrieben sein, so wunderbar frisch über den Tag hinaus, dass manches Stück in der Zeitungslektüre von heute darüber vor Scham erröten könnte.

* Umberto Eco: Derrick oder Die Leidenschaft für das Mittelmaß

Streichholzbriefe 1990-2000

ausgewählt, übersetzt und eingerichtet von Burkhart Kroeber