Offizielle sollten dies später mit defekten Pegelmessgeräten erklären und hinzufügen, im nachtdunklen Hafen habe der wackere Wärter das Malheur schließlich nicht bemerken können. Am 17. Mai jedenfalls druckten viele deutsche Tageszeitungen unter "Vermischtes" dasselbe Foto: Zwei Kutter, die Kiele tief in den Hafenschlick gegraben, lehnen wackelig aneinander. Und nur wenige Schlagzeilenmacher widerstanden der Versuchung, die Stadt und den Zustand ihres Hafenbeckens in eine ostfriesenwitzige Zeile zu quetschen.

"Tja, geht bei uns nicht, so was", kommentiert Bernhard Fokken. "Die Leser können leider kontrollieren, ob stimmt, was wir schreiben." Der Chefredakteur der Ostfriesen-Zeitung nimmt das "leider" zurück. "Der Hafen von Leer war nämlich gar nicht leer! Am Rand fielen ein, zwei Schiffe trocken - und genau die wurden geknipst." Fokken jedenfalls ließ die Ostfriesen-Zeitung am 17.

Mai schlagzeilen: Wasser fließt aus Leeraner Hafen ab. Knackig? Wohl nicht, aber die Überschrift besitzt einen unschlagbaren Vorteil: Sie stimmt.

Redaktion und Verlag der OZ, wie sie von Machern und Lesern genannt wird, haben gerade das 50-jährige Jubiläum der Zeitung gefeiert. Sie ist eine der 337 Lokal- oder Regionalzeitungen, die es in Deutschland auf eine Gesamtauflage von 16,6 Millionen bringen. Diese Blätter beliefern Otto Normalverbraucher nebst Gattin mit dem, wovon sie wirklich etwas verstehen: Nachrichten, Berichten und Geschichten aus der Nachbarschaft. Welche Straße bekommt einen neue Asphaltdecke? Warum ist gestern der Krankenwagen über den Markt gerast? Macht die EU-Erweiterung meinen Arbeitsplatz unsicherer? Wie hat der TuS gespielt? Oder eben: Warum steht heute eigentlich so wenig Wasser im Hafen? Internet, Fernseh- und Radioprogramme im Dutzend, überquellende Zeitschriftenregale: Wie halten Bernhard Fokken und die Ostfriesen-Zeitung in dieser Infoflut den Kopf über Wasser?

Bevor der Chefredakteur zur Morgenrunde bittet, telefoniert er mit den Außenredaktionen. Sensationell ist das nicht, was ihm die Mitarbeiter in Emden, Aurich, Wiesmoor, Wittmund und Norden erzählen. Der Müll von McDonald's nervt, herrenlose Fahrräder suchen Abnehmer, ein Altenheim soll erweitert werden. Ein Redakteur kündigt "einen interessanten Bericht über Muschelfischerei" an, eine Kollegin verbringt den Tag vor Gericht: Ein ortsbekannter Exboxer, Mietfaust einer Rotlichtgröße, hat mal wieder hingelangt. "Wenn du mich anzeigst, bist du tot", soll er Zeugen eingeschüchtert haben. Bis kurz nach elf ist der Bericht über den Nasenbein- und Gesetzesbrecher noch als "Aufmacher" des nächsten Tages eingeplant, dann läutet das Telefon der Redakteurin Karin Lüppen: Emssperrwerk ... Kran umgekippt ... Schwerverletzte.

31 Redakteure berichten für die Ostfriesen-Zeitung aus den Landkreisen Leer, Aurich und Wittmund sowie der kreisfreien Stadt Emden. Ursprünglich erschien die OZ als Lokalausgabe der Nordwest-Zeitung für den Regierungsbezirk Aurich.

Aber schon nach einem Jahr taten sich vier Verleger zusammen und handelten der Nordwest-Zeitung die Lizenz für den Titel ab, um die "Vielfalt der Presselandschaft" zu bewahren, wie es im Statut der Gesellschafter hieß. 15 Pfennig kostete die OZ damals, heute sind es 1,60 Mark die verkaufte Auflage stieg in einem halben Jahrhundert von 25 000 auf 45 000 Exemplare pro Tag.