Auf den ersten Blick sieht der Autor selbst aus wie ein Zwölfjähriger, ein Klassenclown, der grinsend darauf wartet, dass man auf einen seiner Streiche hereinfällt. Diesen ersten Blick gönnt uns Eoin (sprich: Ouen) Colfer auf der hinteren Innenseite des Schutzumschlags seines Buches. Auf der Vorderseite schielt der zwölfjährige Titelheld Artemis Fowl seine Leser an: ein blasierter, verschlagener Bösewicht, der mit Anzug und Krawatte älter und cleverer aussieht als sein Schöpfer.

Dieser dubiose Typ erscheint wie eine Mischung aus James Bond, Bruce Willis und Bill Gates. Außerdem hat er magische Kräfte, wie der weltberühmte Zauberlehrling Harry Potter. Zufällig ist er auch noch im gleichen Alter. Und das ist auch der Grund für den Erfolg dieses Buches. Kinder schreien nach immer neuen Potter-Abenteuern, und da die Potter-Autorin Joanne K. Rowling in diesem Jahr eine Fortsetzung verweigert, muss Artemis Fowl her. Das nach seinem Helden benannte Buch ist im Mai in englischsprachigen Ländern erschienen und wurde bereits 250 000-mal verkauft.

Darüber kann Rowling vermutlich nur lachen. Aber Eoin Colfer lacht auch. Die Disney-Tochter Miramax kaufte die Filmrechte, mit allen Verwertungsverträgen sicherte sich Colfer rund drei Millionen Mark. Jetzt hat der List Verlag das Buch auf Deutsch herausgebracht (Artemis Fowl

aus dem Englischen von Claudia Feldmann, 240 Seiten, 35,20 Mark).

Dabei erscheint es zweifelhaft, ob Artemis den Lesern so viel Spaß zu bereiten vermag wie ihr geliebter Harry. Artemis, der merkwürdigerweise den Namen der griechischen Waldgöttin trägt, ist eher ein Anti-Potter. Er bekämpft mit seinen außerordentlichen Fähigkeiten nicht das Böse, sondern er produziert es - ein Dirty Harry sozusagen. Er stammt ja auch aus einer alten Gangsterfamilie in Irland. Der Vater ist bei Auseinandersetzungen mit der russischen Mafia verschwunden, möglicherweise tot, die Mutter dämmert seither dem Wahnsinn entgegen.

Der Zwölfjährige übernimmt die Verantwortung für die Familie. Er kümmert sich um die kranke Mutter und um die Familientradition erfolgreichen Verbrechertums. Zum Glück ist er ein Genie und verfügt über einen bärenstarken Familiendiener namens Butler. Um an große Mengen Gold zu kommen, steigt er ein in die irische Mythen- und Märchenwelt der Feen, Elfen, Trolle, Zwerge und Gnome. Sie hausen unter der Erdoberfläche und versprechen den Oberirdischen manchmal Glück in Form von Gold am Fuße des Regenbogens.

Der Junge erpresst Gold und sprengt alles in die Luft