Geschichte von unten sollte die Leerstellen füllen, die Haupt- und Staatsaktionen übrig ließen

heute beanspruchen auch Meinungen und Lebenslagen des Mannes von der Straße historische Würde. Das Fernsehen kommt einem solchen kleinteiligen Geschichtsverständnis entgegen

seine Archive bergen jede Menge Strandgut des Alltags. Es stellte sich indessen bald heraus, dass Geschichte von unten viel schwerer zu erzählen ist als Geschichte von oben. Während sich die Relevanz von Bündnissen, Kriegen und Friedensschlüssen von selbst versteht, muss für die Zeitzeichenhaftigkeit des Nierentisches und des Petticoats erst eine entsprechende Interpretation her.

Im Fernsehen wird die von Moderatoren geliefert, von Leuten im Gespräch. Sie müssen imstande sein, ein Zeitgefühl in Worte zu fassen, ohne dabei zu persönlich oder zu allgemein zu werden. Und das ist verdammt schwierig. Man kann es wahrscheinlich nicht lernen, man kann sich nur auf seinen Instinkt verlassen, der einem hilft, die eigene Erfahrung so auf die historische Großwetterlage zu projizieren, dass etwas Interessantes dabei herauskommt.

Der WDR hat für seinen neuesten Archivstreifzug die Journalistin Elke Heidenreich und den Fernsehmann Dietmar Schönherr aufgeboten und damit einen Glücksgriff getan. Alle beide verfügen über die seltene Doppelbegabung von Bildschirmpräsenz und Reflexionsfähigkeit. Sie sind echte Fernsehfuzzis, in der Wolle gefärbte Mattscheibenprofis und trotzdem von des Gedankens Blässe ganz schön angekränkelt. So was gibt's eben doch.

Was'n mit dir? Warst du im Krieg?, fragt Heidenreich den Älteren, und der zuckt leicht zusammen. Ja, als Freiwilliger, sagt er, fast erstaunt über sich selbst, und sitzt da mit diesem So war das damals-Ausdruck im Gesicht, der auch schon im Begriff ist, seinen Anteil Würde im Kontext der Oral History anzulagern. Es wird so weitergehen, Schönherr wird noch manchmal zusammenzucken und Heidenreich ihn noch oft herausfordern, die Rollen sind verteilt - sie ist die Powerfrau, er das Sensibelchen. Aber warten wir ab, ob sich das nicht noch umkehrt, wenn die beiden die siebziger Jahre erreicht haben.

Es begann mit den Fifties, wo das Duo zwischen Tütenlampen und Stricheltapete die seltsam paradoxe Zeitstimmung einer allgemeinen Munterkeit in Werbung und Heimatfilm und einer tiefen Verzweiflung angesichts der Ruinenfelder und halbierten Familien diskutierte. Aus der Debatte leiten sie elegant über zur Anmoderation der Einspielfilme, Collagen aus den Verliesen des Archivs, in denen erstaunlich viele echte Fundstücke zu besichtigen sind. Endlich hat sich mal jemand die Mühe gemacht, Zeitgeist originell und doch typisch zu bebildern. Auf Petticoat und Motorroller folgt nächsten Montag Tiefkühlkost und Wasserwerfer