Rettet Berlin!

Vor 50 Jahren klebten die Westdeutschen ihre Solidarzuschläge noch auf Briefe. Notopfer hießen während der Berlin-Blockade ab 1948 kleine blaue 2-Pfennig-Marken, die zusätzlich zur Briefmarke mit jeder Postsendung ein Tröpfchen Hilfe in die abgeschnittene Stadt brachten. Heinrich Lummer, ehemaliger CDU-Innensenator von Berlin und bis 1998 Bundestagsabgeordneter, sieht die Hauptstadt schon wieder von roten Truppen belagert und belebt daher die Spendenaktion neu: Um "Berlin vor den Sozialisten (SPD) und Kommunisten (PDS) zu retten", verkauft er nachgebildete Notopfer-Marken, allerdings im stolzen Wert von 10 bis 2000 Mark. Der Erlös geht an die rechtsnationale Vereinigung Die Deutschen Konservativen (DDK), deren Ehrenpräsident der 68-jährige Lummer ist. Die Mitglieder der DDK wollen mit den Nottausendern verhindern, dass "die Linken" ihr Berlin zugrunde richten. Lummer spricht auch schon mal liebevoll von der "Reichshauptstadt".

Kanzler, hilf!

Kaum hat das Saarland die gymnasiale Ausbildung auf acht Jahre verkürzt, da zieht der Freistaat Sachsen nach: Dort fällt jetzt die fünfte Klasse weg.

Gut, die Rede ist nur von einer Mittelschule in Crostwitz (Oberlausitz). Und die Idee ist in Wahrheit wenig innovativ, in dem kleinen Ort gibt es einfach nicht die amtlich vorgeschriebene Mindestanzahl von 20 Schülern. Allerdings hat der Freistaat die Rechnung ohne den Kampfgeist der Sorben von Crostwitz gemacht. Denn deren Schule ist eine der wenigen, in der alle Fächer auf Sorbisch unterrichtet werden, und dieses Privileg will sich die ethnische Minderheit nicht nehmen lassen. Der Unterricht für die standhaften 17 Fünftklässler begann vergangene Woche, einem abschlägigen Urteil des Verwaltungsgerichts zum Trotz, pünktlich - eine pensionierte Lehrerin zieht den Lehrplan auf Sorbisch durch. Nun wird der Ton des Kultusministeriums schärfer. "Wir werden es nicht zulassen, dass eine fünfte Klasse in Crostwitz unterrichtet wird." Wollen wir mal sehen, sagen die Crostitzer. Jetzt schreiben sie einen Brief an den Bundeskanzler, der auf seiner Osttournee ja auch Sachsen besucht. Ob sie wohl Schröders Versprechen einer "besonderen Aufmerksamkeit" für die neuen Länder richtig verstanden haben?