Ein Medikament wird vom Markt genommen, und der Aktienkurs der Herstellerfirma bricht binnen zweier Tage um knapp 20 Prozent ein. Bayers Börsenwert sank letzte Woche um 12 Milliarden Mark, was in erster Linie die Folge des Rückzugs des Cholesterinsenkers Lipobay/Baycol war. Kann ein einziges Medikament 12 Milliarden Mark wert sein? Spielend. Nur wenige Wirksubstanzen nehmen alle Hindernisse auf dem jahrelangen Hürdenlauf bis zur Zulassung, und von diesen wiederum stellen sich die wenigsten als Medikamente mit Milliardenumsätzen heraus. Lipobay war ein solcher Blockbuster: Vergangenes Jahr wurde die Umsatzschwelle von einer Milliarde Mark überschritten, der Zuwachs betrug 82 Prozent. Umsatz ist nun beinahe gleich Gewinn. Jetzt gilt es "nur noch", Feinchemikalien zum Medikament zu verarbeiten und das fertige Produkt zu vermarkten. Der Hersteller hat knapp zwei Jahrzehnte Zeit, mit der Arznei möglichst viel Geld zu verdienen, das nicht zuletzt die Finanzierung der Forschung an neuen Medikamenten ermöglicht, ehe der Patentschutz abläuft und Generika die Margen drücken. Zum Ausfall eines wichtigen Medikaments gesellt sich die Produkthaftung, Bayer muß sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auf Klagen aus den USA einstellen. Lipobay hat die alte Frage, ob Bayers Pharmadivision nicht zu klein sei, die Abhängigkeit von einzelnen Medikamenten nicht zu groß, erneut aufgeworfen. Der Vorstandsvorsitzende Dr. Manfred Schneider schloss Veränderungen im Arbeitsgebiet Gesundheit auf der Pressekonferenz vom Montag nicht mehr kategorisch aus.

Vorstellbar ist nun vieles, von der Zerlegung des Konzerns in seine vier "Säulen" Gesundheit, Landwirtschaft, Polymere und Chemie über einen Verkauf der Pharmadivision bis hin zu einer engen Zusammenarbeit mit einem bisherigen Konkurrenten. Offensichtlich ist, dass der Druck, "etwas" zu tun, spürbar gewachsen ist. Von der Börse wird Bayer bereits seit längerem als Konglomerat betrachtet, als Summe verschiedener Teile, die wenig miteinander zu tun haben. In den Augen der Analysten ist das Ganze weniger wert als die Summe der Teile. Dies erscheint auf den ersten Blick widersinnig, soll doch die Diversifikation auf verschiedene Geschäftsfelder das Risiko des Gesamtkonzerns reduzieren. Im aktuellen Fall von Bayer scheint diese Strategie nicht aufzugehen. Die Polymerenproduktion ist starken Ergebnisschwankungen unterworfen, auf die das Unternehmen nicht einmal Einfluss nehmen kann (Ölpreis, petrochemische Vorprodukte), die Chemie hat in den ersten sechs Monaten dieses Jahres die Margen des letzten knapp halten können

im Bereich Landwirtschaft, vor allem Pflanzenschutzmittel, war das Ergebnis rückläufig, und Lipobay bedeutet in diesem Jahr einen Ausfall von mehr als einer Milliarde Mark an Betriebsgewinn. Überdies schätzen Investoren diversifizierte Konglomerate nicht sonderlich. In der Gunst der Anleger stehen vielmehr Gesellschaften, die sich auf einige wenige, eng verwandte Geschäftsfelder konzentrieren. Nach der Pressekonferenz am Montag, dem noch vagen Ausblick auf Veränderungen, drehte der Kurs der Bayeraktie jedenfalls ins Plus.