Was macht man bloß mit einer Volksaktie, die das Volk kaum noch will? Ein ordentlicher Preis jedenfalls, das merken in diesen Tagen viele Anleger, ist für die Aktie der Deutschen Telekom nicht mehr zu bekommen. Die Branchenexperten der Banken trauen dem Papier, das in seiner stärksten Zeit mehr als 100 Euro kostete, bestenfalls einen Kurs um 30 Euro zu. Für viele Aktionäre, die erst beim dritten Börsengang im vergangenen Jahr eingestiegen sind, geht es nur noch darum, wenigstens langfristig wieder in die Nähe des Ausgabepreises von 66,50 Euro zu kommen. Wer diese Geduld nicht hat, verkauft. Die Volksaktie Telekom ist der Misserfolgswert vieler Wertpapierdepots. Und Firmenchef Ron Sommer? Der weist die Schuld am jüngsten Kursdebakel der Deutschen Bank zu.

Das wirkt billig. Denn die Lehre aus dem tiefen Fall der T-Aktie ist eine andere: Volksaktien gibt es nicht. Die Telekom hat zwar eine ungewöhnlich hohe Zahl von privaten Kleinaktionären, eben das Börsenvolk. Aber die T-Aktie ist kein Papier, das sich jeder bedenkenlos ins Depot legen sollte, um fürs Alter zu sparen. Selbst wenn es sich um ein ehemaliges Staatsunternehmen handelt und der Bund noch immer ein dickes Aktienpaket hält. Selbst wenn die Telekom von Analysten lange Zeit mit Wohlwollen bedacht wurde - weil das Unternehmen so schlau war, bei seinen Geschäften am Kapitalmarkt alle wichtigen Finanzhäuser ins Boot zu holen. Telekommunikation ist ein riskanter Markt, die Gewinne der Unternehmen ändern sich schnell. Die T-Aktie ist ein Risikopapier wie jede andere Aktie.

Nun spüren das auch die Anleger. Denn offensichtlich gibt es einen Gegensatz zwischen ihren Interessen und den Zielen des Unternehmens: Die Aktionäre murren, weil sie im Boom zu teuer eingestiegen sind und jetzt, in der Krise, auf dicken Verlusten sitzen. Die Telekom-Führung dagegen musste wissen, dass ihr Kurs nach dem Kauf des US-Mobilfunkers Voicestream unter Druck gerät - weil sich die mit T-Aktien entlohnten Verkäufer nun schnellstmöglich von ihren Anteilen am deutschen Fernmelderiesen trennen. 500 Millionen T-Aktien können in den kommenden Monaten auf den Markt geworfen werden. Die unternehmerisch durchaus sinnvolle Strategie der Telekom bezahlen ihre Aktionäre mit einem kräftigen Kursabschlag.

Fragen Sie Herrn Sommer

Natürlich hat die Deutsche Bank ungeschickt gehandelt, als sie die Aktie zum Kauf empfahl und einen Tag später - im Auftrag eines Kunden - insgesamt 44 Millionen Aktien verkaufte. Dass der Kurs der T-Aktie aber seit dem Verkauf durch die Bank nochmals um 18 Prozent sank? Dass Fondsmanager sich von der Aktie distanzieren und betonen, die Telekom spiele bei ihnen nur noch eine Nebenrolle? Dass das Vertrauen in die T-Aktie tatsächlich erschüttert ist, wie Sommer sagt, die Krise aber offenbar tiefere Gründe hat als allein den Aktienverkauf durch die Bank? All das ficht den Chef nicht an. Für Erfolge ist nur einer zuständig, bei Misserfolgen sind es die anderen.

Frage an Ron Sommer im März 2000, damals steht die Aktie auf ihrem Rekordhoch von über 100 Euro: Ob ihm angesichts der atemberaubenden Kursentwicklung nicht bange werde? Antwort Sommer: "Warum sollte mir das Angst machen?" Im November 2000, der Kurs ist inzwischen unter 40 Euro gefallen, sagt der Telekom-Chef: "Als unsere Aktie bei 70 Euro war, habe ich mich ganz wohlgefühlt. Als sie dann aber nur aufgrund von Gerüchten auf 100 Euro hochschoss, wurde mir klar, dass dieser Markt dramatisch überhitzt war."

Es ist richtig, wenn Sommer - wie die Vorstände anderer Unternehmen auch - den Herdentrieb der Analysten geißelt, die ein Papier heute in die Höhe jubeln und morgen in den Abgrund schreiben. Aber der Telekom-Chef hat mitgespielt und selbst immer wieder die Erwartungen geschürt. "Wer jetzt bei der T-Aktie einsteigt, kann sich auf ein fantastisches Potenzial freuen", sagte er vor dem dritten Börsengang der Telekom. Für Anleger klingt das wie blanker Hohn. Wer damals kaufte, hat bis heute 70 Prozent verloren.