"Ich habe große Hoffnung auf Berlin", ruft eine Aktrice mit amerikanischem Akzent und reckt die Faust ins Publikum. Yeah, Mission erfüllt, wir sind jetzt eine vaginafreundliche Stadt! Seit zwei Wochen pilgern Berlins Frauen, Händchen haltend wie sowjetische Jungpionierinnen, in die Treptower Arena zu Eve Enslers Vagina-Monologen. Zu deren Triumph am Off-Broadway trugen Gaststars wie Glenn Close und Winona Ryder bei, nun düngt die Vagina-Poesie auch deutsche Bühnen: "Meine Muschi ist eine Tulpe, eine wunderschöne Blume, rot und rosa." Viel Lärm um ein Tabu, das keins mehr ist. Was die New Yorker Journalistin aus Interviews zusammenflickte, ist ein anachronistisches Häkeldeckchen aus Womans Lib, Flower-Power und buddhistischem Selbsterfahrungskitsch. Auch die Treptower Damen-Crew nimmt das hausbackene Manifest im Protestgeist der Siebziger nicht nur ernst. Gegen alle feministische correctness wird es aufgestylt, parodiert und persifliert: Über die Bühne im Vagina-Zuschnitt hüpfen, turnen, sprinten die vier Darstellerinnen, umrankt von Spitzen und Tiger-Schmetterlingstops. Peep und Kindergeburtstag waren ja immer schon eins nur führen hier nicht Veronas knackige Gäste oder die lieben Kleinen ihre Genitalien vor, sondern nicht mehr taufrische Damen, die sich Handspiegel unters Fleisch halten. "Sei deine Vagina", lautet Enslers Credo für jene Armen im Geiste, denen einzig ihre Weiblichkeit Stolz verleiht. Katja Riemann, der Deutschen Antwort auf Glenn Close, sorgt für den gebührenden Betroffenheitsjargon. Im kleinen Schwarzen, halb überreife Kindfrau, halb Grundschullehrerin, liest sie einen Monologverschnitt von Stimmen vergewaltigter Bosnierinnen. Ach Katja, lass es! Hier in Treptow swingen sogar Bosniens Vaginas längst im Takt unserer Event-Kultur. Barbara Lehmann