Das Schwimmbad, philosophisch betrachtet, ist ein unmenschlicher Ort.

Denn im Schwimmbad fällt es besonders schwer, Mensch zu sein. Angsthase oder "arschbombender Chaot" (um die Dinge ausnahmsweise beim Namen zu nennen), das schafft jeder. Doch leider beruhen diese beiden Existenzweisen auf Furcht - Furcht, sich beim Sprung vom Zehnmeterturm zu blamieren oder, noch schlimmer, sich als Nichtspringer zu kompromittieren. Wer aber von Angst getrieben wird, ist ein gehetztes Tier, hat keine Wahl und folglich keinen freien Willen.

Insofern ist die ganze Welt meist mehr oder minder ein Schwimmbad, doch das Schwimmbad eben auch auf sehr anschauliche Weise die ganze Welt.

"Halbnackt allein auf schwankenden Brettern stehen / und runtersehen", sang vor zwei Jahren die Band Element of Crime, blies höhnisch in die Trompete und betrachtete das Freibad psychoanalytisch: "Du weißt, dass dein Vater sich fragt - / Wird er es bringen? / Und deine Mutter sagt Nein. / Und aus endloser Menge erklingen ermunternde Rufe, / jetzt mußt du springen!" Sven Regener, Sänger und Texter der vielleicht poetischsten, mit Sicherheit melancholischsten deutschen Band, hat neuerdings einen Roman geschrieben, worin selbst Badehosen tiefere Bedeutung besitzen. Sinnfrage: Was nützt es, zwischen Unmengen kreischender, brustschwimmender Leute eine gewisse Würde zu wahren? Außerdem: Sollte einer, der hauptberuflich Bier ausschenkt und bisher stets vernünftig über die Leiter in den Pool kletterte, sein Leben ändern, bloß weil er 30 wird? Und wenn ja, wie? "Arschbombe kann nicht die Antwort sein", Pardon, da ist sich Herr Lehmann, demnächst 30 und normalerweise "etwas willenlos", sicher.

Herr Lehmann heißt die Titelfigur in Sven Regeners Buch, und so unspektakulär der Name, so vertraut ist uns dieser Charakter aus Regeners Liedern. Ein blasser Mann in einer lauten Welt. Ein Philosoph im Karpfenteich. Ein Stubenhocker, der um fünf Ecken denkt, der für das Glück nicht geschaffen ist und der als echter Pessimist dem Pech gern ein Stück entgegenkommt.

Beispielsweise an jenem Abend, da alles anfängt. "Der Mensch ist ein Wesen mit freiem Willen", denkt Herr Lehmann, während er vom Kneipendienst nach Hause latscht. Dann sieht er den Hund. Ein hässlicher Zerberus im nachtkalten Berlin versperrt ihm den Heimweg, knurrend, hartnäckig, listig, da ist rein gar nichts zu wollen. Doch am Ende erringt der Mann einen unglaublich lächerlichen Sieg, und wie der Kampf der beiden tragikomischen Gestalten inszeniert wird, ist eine Sternstunde farcenhaften Humors. Hier entsteht die Komik scheinbar wider Willen, im Unabsichtlichen liegt die erzählerische Eleganz. Man hält den Atem an, man ist verblüfft, man lacht sich schief.