Die USA, das mächtigste Land der Erde, ist immer noch der Inbegriff grenzenloser Freiheit und unglaublichen Reichtums. Ein Traumziel, wo Tellerwäscher zu Millionären und Garagentüftler zu Internet-Gurus werden. Da hilft es nichts, wenn aufgeklärte Zeitgenossen auf zahlreiche Schattenseiten des amerikanischen way of life hinweisen, auf die Opfer, die durch das äußerst lückenhafte soziale Netz fallen. Amerika ist ein Traum, der sich längst von der Realität gelöst hat. Aber schon die ersten Siedler vor 400 Jahren hatten ihn. Das neue Jerusalem wollten sie in der Neuen Welt errichten. Stadt der brüderlichen Liebe, Philadelphia, nannte William Penn, der im ausgehenden 17. Jahrhundert der konfessionellen Enge des Alten Kontinents entfloh, deshalb die Hauptstadt der von ihm gegründeten Kolonie Pennsylvania.

Dominik Wichmann begibt sich in seinen Reportagen auf die Suche nach den Spuren der amerikanischen Utopie im Alltag. Ob dynamische High-Tech-Gurus wie Jeff Bezos, der Gründer der Internet-Buchhandlung Amazon oder die jugendliche Sozialhilfeempfängerin Latascha, die 20 000 Schuhsohlen sammelte und daraus einen Basketballplatz gießen ließ - beide eint die Überzeugung, dass Träume verwirklicht werden können.

In Wichmann finden sie einen wohlwollenden Porträtisten. Auch die Schlangentänzer, religiöse Fundamentalisten, die durch ekstatische Tänze mit gefährlichen Klapperschlangen eine besondere Nähe zu ihrem Gott herstellen wollen, gehören dazu.

Amüsierte Lektüre ist garantiert, aber auch Nachdenklichkeit regt sich. Ist es damit getan, sich zufrieden lächelnd zurückzulehnen und genüsslich über die amerikanischen Utopisten und Spinner die Stirn zu runzeln, die Traumtänzer als Opfer der Ideologie der Chancengleichheit abzutun, die jeder Blick auf die Sozialstatistik als verlogen entlarvt? Oder fehlt uns in Europa nur der Glaube an die Realisierbarkeit der Utopie, der uns helfen könnte, den überall spürbaren Pessimismus hinter uns zu lassen?

JÜRGEN ZIMMERER

Dominik Wichmann: Jenseits von Utopie. Amerikanische Träume (Picus Reportagen)

Picus Verlag, Wien 2000