Stell dir vor, es gibt Schule und keiner geht hin. Die Schlagzeile sprang den Lesern des Jeetze-Kurier Salzwedel im vergangenen Jahr ins Auge. Die zugehörige Geschichte erschien der Redaktion offenbar so undenkbar wie ein Krieg ohne Soldaten. Es ging um ein Verfahren vor dem Amtsgericht Salzwedel in Sachsen-Anhalt. Eine Mutter hatte gewusst und gebilligt, dass ihre drei Söhne seit Jahren keine Schule mehr besuchen. Die Kinder waren einfach zu Hause geblieben. Sie hatten auch weder einen Privatlehrer noch an einem home schooling-Projekt teilgenommen. Ein unglaublicher Kasus, nicht nur für Salzwedel.

Es ist Montag, zehn Uhr morgens, keine Ferien. Brave Kinder sitzen um diese Zeit auf Schulbänken. Weniger brave werden von der Polizei aus dem Kaufhaus geholt, wo sie in der Spielzeugabteilung daddeln, statt Deutsch zu lernen.

Jury, 9, Semjon, 11, und Immanuel, 13, sitzen im Mobilhome, das der Papa gemütlich durch die norddeutsche Tiefebene steuert. Sie kommen von einer Baustelle

Papa montiert Holzhäuser. Zwischendurch haben sie Oma in Großenkneten besucht und in Bremen eine Ausstellung über Piraten. Jetzt geht es heim. Im Bordradio läuft We all need someone we can dream on. In der Bordbibliothek stapeln sich Werke von Wilhelm Reich. Obwohl es draußen frisch ist, sind zwei der Jungen barfuß

der dritte trägt Bergstiefel. Gespannt betrachten die drei den Reporter: Schreibt der wirklich alles auf, was sie sagen?

Jury, der Jüngste, fängt an: "Ich war noch nie in der Schule, nur mal so drei Stunden. Das war eine freie Schule, keine richtige. Da war ich sechs Jahre alt." Semjon: "Da sind wir gleich wieder rausgegangen. Da war so eine Bande, wenn man nicht drinnen war, wurde man verkloppt. Und wenn man drinnen war, musste man auf so einen Scheißtypen hören." Semjon und Immanuel haben es dort insgesamt ein halbes Jahr lang ausgehalten. Diese freie Schule war ihr vorerst letzter Versuch mit dem deutschen Schulsystem. Angefangen hatte alles mit einer Waldorf-Schule in der Nähe von Reutlingen. Immanuel, der anfangs noch ganz gern zur Schule ging, bekam irgendwann Schwierigkeiten. Semjon: "Immer wenn er nach Hause kam, hat er erzählt, dass ihn jemand in die Hecke geschmissen hätte und den Schulranzen geklaut oder ihm auf die Füße getreten war. Und dann hat er morgens immer gesagt: ,Mir ist schlecht.' Und wenn der Bus weg war, war wieder alles gut."

Immanuel reckt sich. "Ich hatte natürlich nur so getan. Ich fand das halt blöd da. Und dann hat mich Papa mit dem Auto zur Schule gebracht, zur Klasse getragen und mich hingesetzt. Da bin ich wie ein Sack sitzen geblieben. Da hat Papa dann gesagt: Jetzt ist Schluss!" - "Und mir", sagt Semjon, der auch Semmel heißt und sogar Brösel, "und mir hat einer im Kindergarten den Bommel von der Bommelmütze abgerissen, da wollte ich da auch nicht mehr hin."