Wie verhalten sich Menschen in riskanten Situationen? Rational, sagt die klassische Lehrbuchökonomie: Sie handeln so, dass ihnen im Schnitt der höchste Zugewinn winkt - auch wenn das in seltenen Fällen zu Verlusten führen kann. Dieses Verhalten ist nicht die Regel, sagen realitätsnähere Ökonomen: Die meisten von uns meiden wirtschaftliche Gefahren und wählen risikoarme Alternativen, auch wenn diese ihnen weniger eintragen.

Ist die große Mehrheit risikofeindlich? Nur wenn es aufwärts geht, sagen Psychologen, die das Entscheidungsverhalten erforscht haben. Sobald Verluste drohen, wachse die Risikobereitschaft dagegen schlagartig.

Mit dieser These etablierten sich die in den USA tätigen Forscher Daniel Kahneman und Amos Tversky als Kritiker des ökonomischen Menschenbildes. Ihr Ausgangspunkt: Menschen bewerten Optionen nicht am absoluten Ergebnis, sondern vergleichen sie mit einem Referenzpunkt - in der Regel mit dem, was sie momentan haben und als normal erachten. Mehr wird als Gewinn begriffen, weniger als Verlust. Gewinne sind schön, aber das positive Gefühl ist nicht so stark wie das negative: Nichts ist widerlicher, als Verluste einzustecken.

Weniger als bisher zu haben, das will man auf alle Fälle vermeiden. Diese Reaktion wirkt sich auf die Risikohaltung aus.

Ein Beispiel: Was wäre wohl angenehmer, eine 50 : 50 Chance, 1000 Mark zu gewinnen oder mit Sicherheit 500 Mark zu erhalten? Die meisten nehmen die 500 Mark

der Schrecken, möglicherweise leer auszugehen, ist größer als die Verlockung, einen Tausender zu gewinnen. Wenn es etwas zu gewinnen gibt, wird Risiko gemieden, man nimmt den Spatz in der Hand.

Bei Verlusten dreht sich der Sicherheitseffekt um. Was würde einen Firmenchef mehr schrecken: mit Sicherheit 75 Millionen Mark zu verlieren oder mit einer Wahrscheinlichkeit von 80 Prozent 100 Millionen? Bei der zweiten Möglichkeit ist der durchschnittliche Verlust mit 80 Millionen zwar höher, aber vor die Wahl gestellt, entscheiden sich die meisten für die zweite Möglichkeit.