Irgendetwas geht seinen Gang", antwortet in Becketts Endspiel der Diener Clov auf die angstvolle Frage seines Herrn, was eigentlich passiert.

"Irgendetwas" geht vor sich, was wir noch nicht richtig fassen können und was mit den Begriffen Globalisierung und Wissensgesellschaft nur unzureichend beschrieben ist. Die Zweifel wachsen, nicht nur bei den "Globalisierungsgegnern", die zu einer politischen Bewegung mit hoher Sprengkraft werden. Immer weniger Menschen trauen der Politik zu, dass sie die Privatisierung der Welt verhindern kann.

Die Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft wird vorangetrieben durch die immer engere Verzahnung von Wirtschaft und Wissenschaft, die Ökonomisierung der Wissenschaft. Globalisierung und die Revolution der Biotechnologie, die sich zur Leitwissenschaft des neuen Jahrhunderts aufschwingt, drohen bislang gültige Konstanten für Sicherheit und Identität der Einzelnen und ihrer Gesellschaften zu untergraben. Der neue flexible Kapitalismus ist "mehr als eine bloße Mutation des alten Systems" (Richard Sennett)

ebenso ist eine menschenverändernde Biomedizin mehr als eine quantitative Erweiterung von Heilen und Helfen. Durch den Utilitarismus des Wettbewerbs und der Verwertungsinteressen werden die Grenzen dessen, was wir als "Gesellschaft" und als "Mensch" erfahren, hinausgeschoben, hin zu einem grundlegenden Paradigmenwechsel.

Die Verwandlung der Medizin von einer heilenden zu einer menschenmachenden Praxis zersetzt das Menschenbild und die soziale Wirklichkeit mit unbekannten Folgen. Seit den Anfängen der abendländischen Philosophie ergeben sich die Würde und der Eigenwert des Einzelnen aus dem Gewachsensein. Was aber passiert, wenn nun Gemachtheit an die Stelle der Physis, des Gewordenseins, tritt? Sollten wir das nicht wissen, bevor wir es tun? Die Frage: "Was bedeutet es, Mensch zu sein, mit allen seinen Beziehungen zur Mitwelt und in seiner Verantwortung der Nachwelt gegenüber?" wird von einer theoretischen zu einer höchst praktischen und politischen Frage.

Für die Versprechen der Biogenetik, die in einem engen und radikalen Zusammenhang mit der Transformation in Wirtschaft und Wissenschaft stehen, reicht der einfache Optimismus nicht aus. Er entpuppt sich auf den zweiten Blick allzu oft als Überhöhung ökonomischer Interessen oder als die begrenzte Sichtweise einer Fachdisziplin. Es geht um die grundsätzliche Dimension des Themas - zumal die Bio- und Gentechnik faszinierende Möglichkeiten auch diesseits eines "Umbaus" des Menschen eröffnen. Ein Beispiel ist die Ermittlung spezifischer Ursachen und Zusammenhänge von Krankheiten für gezielte Hilfen.

Natürlich muss die Gesellschaft für Innovation und Veränderung offen sein, denn davon hängt die Gestaltung eines guten Lebens ab. Und natürlich sind Ethik und Moral nicht statisch, sondern kulturabhängig. Eben deshalb liefern die Lebenswissenschaften nicht "wertfreie" Vorgaben, zu denen die Politik sich dann im Nachgang verhalten kann. Ihre Anwendung darf nicht unabhängig von der Verwertung gesehen werden, da ihre Entwicklung nicht so sehr durch die wissenschaftlichen und technologischen Abläufe als solche geprägt wird, sondern weit mehr durch die Formen und Methoden ihrer wirtschaftlichen Verarbeitung. In diesen Kontext gehören nicht nur die Allmachtfantasien und schlagzeilenträchtige Eitelkeit einzelner Forscher, sondern auch die in Wirklichkeit kaum begründete Angst um den Standort Deutschland. Deshalb sind die Lebenswissenschaften keine "objektiven" Wahrheitsmaschinen, die sich "evolutionär" entwickeln. Sie sind vielmehr durch und durch von der Gesellschaft geprägt, von deren kulturellen Werten, dem Stand von Qualifikation und Bildung und den sozialen Kräfteverhältnissen.