Ganz Prag ist ein Denkmal. Das gilt zunächst im übertragenen Sinne. Wohin man tritt, trifft man auf geschichtliche Spuren. Ganz Prag ist also Geschichte - dort jedenfalls, wo es der Besucher für gewöhnlich erlebt. Und sofern er die Geschichte überhaupt kennt und erinnert. Dass Prag ein Denkmal sei - das gilt aber auch in einem ganz unmittelbaren Sinne, denn eben jenes Prag ist ganz förmlich unter Denkmalschutz gestellt worden: Alles wird unter diesem Regime wieder hergestellt, wie es zuvor war. Ganz Prag wird zu Geschichte: Es war einmal - und so bleibt es auch.

Dem Besucher soll es recht sein. Die Schönheit der Stadt und seiner historischen Geste verzaubert noch jeden, sofern er nur dafür zugänglich ist. Bis er auf den Gedanken kommt: Ist nicht vieles, was an Prag bezaubert, nur deshalb entstanden, weil es den Denkmalschutz damals noch nicht gab. Prag als Juwel des Jugendstils - das gibt es doch nur, weil im Zuge der "Assanierung" eines Stadtviertels eben dieses um die Wende zum 20. Jahrhundert schlicht niedergelegt und wieder aufgebaut wurde. (Wird man durch das jüdische Viertel geführt, das davon betroffen war, sprechen selbst die als Fremdenführer dienenden Mitglieder der Gemeinde davon als von einer Notwendigkeit - nicht von einem feindlichen Akt.) Und wer sich den Beispielen der kubistischen Architektur oder den frühen konstruktivistischen Bauten aussetzt, fragt irgendwann auch: Was stand denn vorher da?

Wie kommt es eigentlich, dass es uns als ganz natürlich erscheint, eine ganz Stadt in einem bestimmten Zustand für alle Zeiten zu erhalten - und den ansonsten üblichen (auch an Ost und Stelle üblichen) Prozess der "schöpferischen Zerstörung", dem wir unsere Städte im Guten wie im Schlechten verdanken, abzubrechen? Wie alt ist eigentlich der Gedanke des Denkmalschutzes?

Ist es das Goethesche "Möcht' ich zum Augenblicke sagen: Verweile doch, du bist so schön...?" Ist es die Melancholie einer Epoche, die so unermessliche Zerstörung erfahren hat? Oder ist uns der Optimismus vergangen, wir könnten etwas Gleichrangiges, gar Besseres an die Stelle des Vorhandenen setzen?

Während wir so durch Prag (und durch unser Europa) flanieren und ich vermute, es könnte wieder einmal, und sei es in zwei oder drei Jahrhunderten, ein "Paradigmenwechsel" heraufziehen, der unsere museale Einstellung über den Haufen wirft wie der Kubismus den Jugendstil, bekomme ich zur Antwort (und als Antwort auf das ganze Rätsel) zu hören: "Woher wissen wir denn, ob auf dieser Welt in zwei oder drei Jahrhunderten überhaupt noch ein Stein auf dem anderen steht?"

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