Im Palais Lobkovic, in dem die deutsche Botschaft zu Prag residiert (derzeit noch als Mieter), empfindet man diese Ungleichzeitigkeit besonders deutlich. In dem Kuppelsaal, in dem sich gerade 130 tschechische, slowakische und deutsche Studenten mit ihren Dozenten aus all diesen drei Ländern einfinden - in diesem Kuppelsaal hatte einst Ludwig van Beethoven konzertiert. Von dem vorgelagerten Balkon hatte vor nunmehr zwölf Jahren im Oktober 1989 Hans-Dietrich Genscher Tausenden von Ostdeutschen, die unter unsäglichen Bedingungen in der diplomatischen Immunität und Freiheit dieses Gebäudes wie Gartens zusammengepfercht waren, die real-existierende Möglichkeit ihrer Ausreise nach dem Westen zugerufen - womit dem real-existierenden sozialistischen Herrschaftssystem ein weiterer Sargnagel ins Holz getrieben wurde. Geschichte in Aktion.

Heute sitzen wir zusammen und lamentieren, Deutsche wie Tschechen, über den Schneckengang in Europa. Wie wahr - und (un-gleichzeitig!) welche aberwitzige Perspektiventäuschung, die sich dem Umstand verdankt, dass der Mensch (auch der politische) seinen Habitus zumeist aus der eben hinter ihm liegenden Enttäuschung des Tages bezieht; übrigens so gut wie nie der Freude von heute. Gestern noch war das Deutsche in Tschechien eine Unmöglichkeit - jetzt steht es wieder auf den Ikonen des Denkmalschutzes. Als wir vor zwei Jahren auf einem ähnlichen Empfang im Palais Lobkovic waren, war Tschechien noch nicht in der Nato - in wiederum zwei Jahren, im Jahr 2003, falls dann derselbe Empfang wieder möglich sein sollte, ist Tschechien vielleicht noch nicht ganz in der EU - aber steht vielleicht schon auf der Treppe. Aber wir Augenblicksverliebten unserer Frustrationen bilden uns ein, es gehe nichts Rechtes voran.

Übrigens, im Garten des Palais Lobkovic stand das letzte Mal ein Denkmal besonderer Art: Ein Trabbi, dem irgendein Künstler Beine gemacht hatte - so wie eben die DDR nicht nur wegen ihrer Bürgerbewegung im Lande unterging, sondern vor allem wegen all jener, die ihre Beine unter den Arm nahmen. Aber wo ist der Trabbi heute? Auf einer Ausstellung, erfährt man - dann aber wird er, weil die Kunstharzkarosse doch allmählich verwittert, in Bronze gegossen und kehrt demnächst in dieser veredelten Form wieder. Jedenfalls ein schönes Symbol für die Bewegung der Geschichte - und für den Versuch, sie gegen ihren eigenen Verfall festzuhalten. Und dann eine in Erz gegossene Mahnung: Nichts Politisches bleibt in Erz gegossen. Selbst nicht ein in sich selbst erstarrtes Regime: Tempora mutantur et nos in illis.

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