Der Altstädter Ring mit seinen auf ihn zulaufenden Gassen und Straßen gehört zu den belebtesten Plätzen der Welt - sofern Massen von Touristen einem Platz Leben verschaffen. Doch lebendig wird dieser Platz erst richtig und zu sprechen fängt er an, wenn man ihn morgens besucht - zu einer Zeit, da der Tourist noch schläft und die Geschichte, wie immer in Prag, schon wieder präsent ist.

Drei Erinnerungsmale bestimmen diesen "lieux de memoire", diesen Topos des Gedächtnisses par excellence. Da ist zunächst eine Tafel am Altstädter Rathaus - oder am Rest dessen, was die Nazis nach ihrer Niederlage und nach einer letzten Beschießung von diesem Bau übriggelassen haben. Dieses Memorial erinnert an die Niederlage der böhmischen Stände gegen die kaiserlichen Truppen aus Wien in der Schlacht am Weißen Berg am 8. November 1621 - und daran, dass die 27 böhmischen Anführer dieses Ständeheeres an dieser Stelle einer nach dem anderen geköpft wurden.

Dann steht da, seit 1915, das massive Jan-Hus-Denkmal, das an den damals vor 500 Jahren auf dem Konstanzer Konzil verbrannten böhmischen Reformator - nun, spätestens im frühen 20. Jahrhundert, ein tschechischer Nationalheiliger mitten in einer überwiegend katholischen Bevölkerung, sofern Religion entgegen Karl Marx noch nicht abgestorben ist, samt dem Staate.

Und schließlich findet man, nur noch als Erinnerung an eine Erinnerung, die Markierung des Ortes, an dem bis zum November 1918 die Mariensäule stand, bevor sie in den Gründungswehen des tschechoslowakischen Nationalstaates, der ersten Republik, gestürzt wurde. Gestürzt wurde, weil sie ebenfalls für ein Monument einer nationalen Niederlage gehalten worden war, nämlich des Sieges der katholisch-habsburgischen Gegenreformation über die Böhmen und Mährer - obwohl doch paradoxerweise gerade diese Säule an einen eigenen Sieg, freilich mit österreichischer Hilfe, erinnern sollte: an den über die Schweden, die im dreißigjährigen Krieg vor der Altstadt, am anderen Ufer der Moldau standen.

Im Zentrum Prags und des Gedächtnisses der heute tschechischen Nation stehen also Monumente von Niederlagen; man könnte sogar das Jan-Palach-Denkmal am Wenzelsplatz und den Jan-Palach-Platz vor dem Rudolfinum als Trabanten der zentralen Erinnerung hinzunehmen, die an jenen Studenten gemahnen, der sich nach der Niederschlagung des "Prager Frühlings" durch die Sowjetmacht, selber verbrannt hatte - und damit das Brandopfer des Jan Hus gewissermaßen noch überbot.

Merkwürdig: Unsere Nachbarnation definiert ihre "nationale Identität" über Niederlagen. Wir Deutschen hingegen verdanken unseren Nationalstaat drei siegreichen Einigungskriegen im 19. Jahrhundert. Aber was haben wir aus diesen Siegen gemacht? Die zwei tiefsten Niederlagen der Nation wie der Zivilisation. Immerhin ist nun die Zeit gekommen, in der beide Nationen und Staaten beides nicht mehr brauchen, weder für ihre "nationale Identität" noch für ihr Verhältnis zueinander - weder Siege noch Niederlagen.

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