Mit dem Maserati kann man einfach losfahren, als hätte man nie etwas anderes getan. Es gibt einen kurzen Schock beim Anlassen des Motors, der sich mit dem berühmten Donnergrollen meldet, aber einem gedämpften nur, wie eine milde Warnung. Dann geht alles wie geschmiert; vorausgesetzt, man geht vorsichtig mit dem Gaspedal um und hat eine Automatik an Bord. Mit Kupplung und Sechsgangschaltgetriebe ist alles anders; über die Kupplung haben Autotester schon Horrorgeschichten geschrieben, es war eine schwere Kränkung für die Vertreter der Zunft, sie konnten mit dem Wagen nicht losfahren, bald erstarb der Motor, bald drehten die Räder rasend durch.

Die Kupplung, kurzum, ist ein ernster Hinweis auf das bedrohliche Drehmoment von acht Zylindern, vier Nockenwellen und zwei Turboladern (maximal sind es 491 Newtonmeter); aber weitere Hinweise auf die Wahrheit werden von diesem Wagen nicht gegeben, und die Automatik verweigert sogar diesen. Die Wahrheit zeigt sich erst auf der Autobahn, wenn der Motor, als sei es nichts, noch einmal hurtig von 220 auf 260 km/h beschleunigt. Nur die Turbolader melden sich mit einem leisen Pfeifen vorn rechts und vorn links; ungefähr so, wie ein Meister seines Faches bei einem schwierigen, doch gewohnten Handgriff leise vor sich hin pfeift. Der Maserati pfeift also stillvergnügt vor sich hin und vertreibt den Mercedes, der nicht weichen wollte, von der linken Spur. Man merkt dem Mercedes das ungläubige Staunen an (es ist mehr Staunen als Widerwille), denn der Maserati macht dabei ein liebes und durchaus nicht aggressives Gesicht. Es fehlen ihm das vorgeschobene Kinn und die gefletschten Zähne der deutschen Raser; er zeigt sich bei der ganzen Operation wie ein feiner Herr, der in eine Kneipenschlägerei geraten ist, die er zur allgemeinen Verblüffung schlichtet, indem er den Hauptrabauken kurzerhand wie ein zappelndes Kind nach draußen trägt.

Der Maserati hat keine Egoprobleme, er ist kein Porsche und kein Mercedes SL, er ist ein Gentleman mit besten Manieren und von überwältigend unaufdringlicher Eleganz, der nur zufällig, als sei es eine Laune der Natur, über herkulische Kräfte verfügt. Wenn er so am Straßenrand steht, könnte man ihn glatt übersehen; es sei denn, man senkte den Blick und bemerkte das feine Gitter des Kühlergrills mit dem Dreizack darauf (als hätte Neptun sein Netz ausgeworfen). Im Allgemeinen aber beginnt die Wahrnehmung eines Maserati erst, wenn man schon ein paar Schritte weiter ist und irgendetwas zu zwicken beginnt (als wäre eine unverschämte Bemerkung im Rücken geflüstert worden).

Nur die vier Auspuffrohre fallen auf

Was da aber gezwickt hat, das war die ungeheuerliche Provokation eines Autos, dem jede Vulgarität fehlt. Vielleicht lässt sich der Maserati überhaupt am besten durch das beschreiben, was ihm fehlt oder worauf er, besser gesagt, verzichtet. Es fehlen ihm die Spoiler, die Luftaustrittsschlitze, die rot lackierten Bremssättel; nicht einmal die Reifen sind übertrieben breit. Es fehlen alle Showelemente; sieht man einmal davon ab, dass vier Auspuffrohre notgedrungen auf etwas verweisen, das einem vage unheimlich vorkommen könnte. Es ist aber der einzige Hinweis auf 270 km/h Höchstgeschwindigkeit, eine Beschleunigung von weniger als sechs Sekunden auf 100 km/h und terroristische 27 Liter Verbrauch im Stadtverkehr.

Es bedarf schon einer gesteigerten Empfänglichkeit für Aristokratie, um im Verzicht selbst etwas Unheimliches zu sehen; so wie etwa bei reichen Leuten das Fehlen vergoldeter Badezimmerarmaturen misstrauischer machen sollte als ihr Vorhandensein. Ein Maserati stellt nichts zur Schau. Man könnte sich im Innenraum sogar etwas enttäuscht umsehen, wo nichts als gutes Leder auf Luxus verweist. Die Instrumente, die Schalter, die Sitze, alles ist von jener funktionellen Trockenheit, die italienisches Automobildesign auszeichnet. Worum geht es dabei? Es geht darum, die Nerven empfindlicher Menschen zu schonen, die sich vor Überreizung fürchten.

Man muss schon eigens die Motorhaube öffnen, um sich so etwas wie einen optischen Kitzel zu verschaffen. Da freilich zeigt sich nicht die dumme Kunststoffkappe, unter der sich bei deutschen Luxuslimousinen die Maschine verbirgt. Da sehen wir das sorgfältig gefaltete Geflecht der Ansaugrohre, die roten Zylinderköpfe, eine Technik, die sich nicht verbergen muss, sondern wie eine Skulptur den Ordnungssinn der Ingenieure offenbart. Es ist ein kostbarer, aber wiederum nicht einschüchternder Anblick, denn - letzte Verblüffung - der Motor ist klein. Es sind 3,2 Liter, aus denen der Maserati 370 PS bezieht, und man muss sich die Literleistung von fast 120 PS einmal vor Augen führen, um die Kniffe und Raffinesse, wahrscheinlich auch Empfindlichkeit dieses Wunderwerks zu erkennen. Ein Mercedes SL, zum Vergleich, holt bei ebenfalls acht Zylindern 306 PS aus fünf Litern: Da kann man es ruhig angehen.