Am 10. August 1889 eröffnete der österreichische Kaiser Franz Joseph I. feierlich das Naturhistorische Museum in Wien. Mit dem monumentalen Gebäude an der Ringstraße, unmittelbar gegenüber der Wiener Hofburg gelegen, demonstrierte die Habsburger Monarchie den kulturellen Anspruch einer alten europäischen Großmacht. Knapp vier Monate später, am 2. Dezember 1889, eröffnete der deutsche Kaiser Wilhelm II. feierlich das Naturkundemuseum in Berlin. Es war ein bisschen kleiner als das Wiener Haus. Aber mit seiner wilhelminischen Prachtfassade symbolisierte auch das Berliner Museum den kulturellen Anspruch einer europäischen Großmacht - allerdings einer jungen: Das Deutsche Reich war gerade erst 18 Jahre alt.

Heute, mehr als 100 Jahre später, zählt das Wiener Museum zu den Ersten seiner Art in der Welt und zu den größten Sehenswürdigkeiten der österreichischen Hauptstadt. Das Berliner Haus kämpft ums Überleben. Ein Seitenflügel des Gebäudes, der im Krieg zerstört wurde, ist immer noch Ruine. Im vierten Obergeschoss des Haupthauses regnet es seit Jahren durch. Weil die Räume nicht klimatisiert sind, haben die wertvollen Sammlungen längst Schaden genommen. Renovierungspläne gibt es seit über zehn Jahren. Aber es fehlt das Geld. Der Grund für die unterschiedliche Entwicklung der beiden Häuser liegt darin, dass das Wiener Museum von der Republik Österreich getragen wird, das Berliner aber nicht von der Bundesrepublik Deutschland, sondern von der Stadt Berlin. Für die Österreicher war es 1919 nach dem Ende der Monarchie überhaupt keine Frage, dass das kulturelle Erbe des Hauses Habsburg künftig in die finanzielle Verantwortung des österreichischen Gesamtstaates fallen würde. Seither sind die großen Wiener Museen, die Universität, die Nationalbibliothek, das Burgtheater, die Staatsoper und natürlich auch die Wiener Philharmoniker Eigentum der Republik Österreich.

Hätten wir es in Deutschland genauso gehalten, dann wäre der Etat des Berliner Naturkundemuseums heute nicht um ein Drittel kleiner als der des Wiener Museums und seine personelle Besetzung nicht um fast die Hälfte, dann wäre das Haus keine Teilruine und auch kein Anhängsel der Humboldt-Universität, die selbst mit drastischen Etatkürzungen zu kämpfen hat, sondern im Bundesbesitz, längst renoviert und seinem internationalen Rang entsprechend ausgestattet. Aber in Berlin ist die Geschichte ganz anders gelaufen. Nach dem Ende der Monarchie 1919 fielen die vormals königlich-preußischen Institutionen der Kultur und der Wissenschaft an das Land Preußen. Im zentralistischen NS-System unterstanden sie der Reichsregierung. Nach dem Zweiten Weltkrieg gerieten sie, soweit sie nicht auf West-Berliner Territorium lagen, in den Besitz der DDR. Fortan wurden sie aus dem Staatshaushalt der DDR finanziert.

Als die Mauer fiel, hatte die wiedervereinigte Stadt Berlin fast über Nacht für Kultur- und Wissenschaftsinstitute aus vier verschiedenen Traditionen aufzukommen: für das Erbe Preußens, für den Nachlass der DDR, für die Neugründungen aus den Zeiten der Teilung und für die von jeher städtischen Einrichtungen wie die Deutsche Oper an der Bismarckstraße. Das addierte sich zu einer stattlichen Liste: 3 Opernhäuser, 2 Musicalbühnen, 6 Symphonieorchester, 7 Theater, 3 Universitäten, 2 Staatsbibliotheken, 8 Fachhochschulen, 4 Kunsthochschulen und weit über 20 Museen. Dass die Stadt mit der finanziellen Verantwortung für dieses vierfache Erbe hoffnungslos überfordert ist, liegt auf der Hand. Die Dauerfinanzkrise der Berliner Kultur hat hier ihren historischen Grund.

Weg mit den Mischfinanzierungen!

Berlin ist eine Fehlkonstruktion. Im föderalen Aufbau der Bundesrepublik zählt die Hauptstadt zu den 16 Bundesländern. Aber das ist pure Fiktion. In Wirklichkeit ist Berlin eine verarmte Großstadt, die nur so tut, als sei sie ein Bundesland. Ihre heutige Armut hat gewiss auch mit der Misswirtschaft der vergangenen Jahre zu tun. Aber wesentlicher sind die historischen Bedingungen, die vergleichbar keiner anderen deutschen Großstadt widerfahren sind. Sie hängen teils mit der Hauptstadtrolle zusammen, teils mit der jahrzehntelangen Teilung der Stadt, in beiden Fällen gehen sie auf Umstände zurück, die Berlin nicht zu verantworten hat.

Bis zum Zweiten Weltkrieg war Berlin bei weitem Deutschlands größte Industriestadt. Aber diese industrielle Basis brach im Westteil der Stadt schon in der Nachkriegszeit weg, als die großen Firmen wie Siemens und AEG in das Bundesgebiet abwanderten und mit ihnen das wohlhabende Bürgertum. Im Osten verschwanden die meisten Industriebetriebe wenige Monate nach der Wende. Und diese Stadt, deren Steueraufkommen kaum ausreicht, um ihren öffentlichen Dienst zu bezahlen, soll nun ein unvergleichlich reiches Kulturerbe finanziell verkraften.