Was hat der Fall Lipobay nicht alles an Absurditäten hervorgebracht: Statt um den Muskel-Zerfall von Menschen sorgen sich Anleger um den Kurs-Verfall einer Aktie. In den Wirtschaftsnachrichten erscheint die Gesundheit der Patienten zweitrangig. Die erste Sorge: Bleibt das Pharmageschäft von Bayer unabhängig?

Die Wettbewerber springen in die Bresche und preisen als Ersatz für die in Verruf geratene Arznei ihre eigenen Cholesterin-Senker an - obwohl mit dem Bayer-Produkt Lipobay die gesamte Gruppe dieser Medikamente ins Zwielicht rückte.

Die zuständige Aufsichtsbehörde in Deutschland, das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte in Bonn, beklagt nicht den Tod von weltweit 52 Patienten, sondern das Informationsdefizit auf Unternehmensseite. Die Bundesbeamten - seit Jahren bei jedem Arzneiskandal im Kreuzfeuer der Kritik - ärgern sich darüber, dass ihnen wieder einmal andere zuvorkamen. War es doch die US-Gesundheitsbehörde FDA, auf deren Bedenken hin Bayer sein Medikament zurückzog. Jetzt sind die Bonner Beamten beleidigt, dass man sie nicht wenigstens vorher einweihte.

Auch Ärzte und Apotheker treibt die Sorge um den bewährten Dienstweg: Sie bemängeln, dass sie die Neuigkeit aus den Medien erfuhren, statt die Warnung des Unternehmens - wie sonst in solchen Fällen üblich - mit der Post zu erhalten. Eine Exklusivwarnung vorab hätte den Weißkitteln einen Informationsvorsprung vor den Patienten gesichert und geholfen, den aufgeregten Massen gefasst entgegenzutreten. Damit Dr. Allwissend nicht auf dem falschen Fuß erwischt wird, sollen die Patienten lieber ein paar Tage warten.

Wer bisher dachte, Sparzwänge seien das einzige Problem im Kampf gegen Krankheiten, muss sich nun eines Besseren belehren lassen. Forscher, Pharmamanager, Ärzte, Apotheker, Aufsichtsbeamte - sie alle haben an Glaubwürdigkeit verloren. Eine Skandalgeschichte folgt der anderen. Und ganz plötzlich finden sie überall offene Ohren.

Die einen suchen die Schuld bei den Medizinern, die mit dem Cholesterin-Senker in der Tat großzügig umgingen. Statt den Patienten zu mehr Sport und weniger Schweinebraten zu raten, ließen sie Pillen einwerfen. Ob der Bayer-Konzern Ärzten, die das Medikament verschrieben, wirklich mit Fernreisen beschenkte, wie die Bild-Zeitung wissen will? Oder ob es sich eher um "Gratisfahrten von München nach Seefeld im Rahmen einer Weiterbildung handelt", wie der Spiegel glaubt? Die Spendierfreudigkeit der Pharmakonzerne schrammt oft hart an der Bestechungsgrenze entlang. Ebenso bekannt sind jedoch die Defizite bei der ärztlichen Weiterbildung. Wer sich als Landarzt nach dem Examen fachlich fit halten will, ist auf Kongresse und Fachzeitschriften angewiesen. Und die könnten sich ohne Sponsoring nur selten finanziell tragen.

Kein Wunder, dass es dem Publikum bei solchen Veranstaltungen dann gelegentlich an kritischem Urteilsvermögen mangelt. Schon während des Studiums sei die Pharmakologie, die Lehre von der Wirkung der Arzneien eine ungeliebte Pflicht, klagt Kay Brune. Als Professor an der Uni Erlangen-Nürnberg bemüht er sich, dem medizinischen Nachwuchs die wichtige Disziplin "wenigstens in Bruchstücken" beizubiegen. "Wirkungen und Nebenwirkungen - das macht 50 Prozent der ärztlichen Alltagsarbeit aus, aber leider nur fünf Prozent der Ausbildung", kritisiert der Pharmakologe. So kommt es, dass in Deutschland jährlich bis zu 25 000 Menschen an den Nebenwirkungen von Medikamenten sterben. Rund die Hälfte der Todesfälle sei auf Fehldosierungen zurückzuführen, schätzt Jürgen Frölich von der Medizinischen Hochschule in Hannover.