Deutschland fühlt sich sicher. Gerade neun Monate ist es her, dass der erste Fall von Rinderwahnsinn die Republik erschütterte, der zum Rücktritt diverser Minister und zur seither viel beschworenen Agrarwende führte. Doch inzwischen steht Rindfleisch wieder auf den Speisekarten zwischen Flensburg und Garmisch. Unappetitliche Meldungen über schwankende BSE-Rinder und Berge geschlachteter Kühe sind aus den Zeitungsspalten und vom Bildschirm verschwunden. Wie das Institut für Demoskopie Allensbach berichtet, geht inzwischen jeder Zweite hierzulande davon aus, dass die Lösung der BSE-Krise in Reichweite liege. Trügerische Sicherheit.

Denn noch immer wird fast wöchentlich ein neuer BSE-Fall bekannt - Nummer 100 steht unmittelbar bevor. Und noch immer wissen die Experten über die rätselhafte Krankheit erschreckend wenig. So hat sich die Wissenschaft zwar darauf geeinigt, als Erreger des Rinderwahns veränderte Proteine, die so genannten Prionen, anzusehen. Doch weder der Verlauf der Krankheit noch die Übertragungswege auf den Menschen sind wirklich bekannt. Sicher scheint nur, dass durch den Verzehr von BSE-infiziertem Fleisch eine neue Variante der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (vCJK) ausgelöst wird, die das menschliche Gehirn in eine schwammartige Substanz verwandelt. Doch bislang peinigt kein deutscher vCJK-Kranker, der langsam den Verstand verliert, unser Gewissen.

In England dagegen sind bis Ende Juni schon 102 Menschen an der tödlich verlaufenden vCJK gestorben. Im vergangenen Jahr rechneten britische Wissenschaftler noch mit Zahlen zwischen 63 und 136 000 Opfern - gröber können Schätzungen kaum sein. Auch in Deutschland will sich kein Experte auf genaue Angaben festlegen. "Die Zahl der Menschen, die an der neuen Form der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit erkranken, wird etwa um den Faktor 1000 geringer sein als in Großbritannien", meint Walter Schulz-Schaeffer, Leiter der Prionenforschungsgruppe der Universität Göttingen. Die Rechnung des Neuropathologen ist einfach: In Großbritannien gibt es bisher rund 1000-mal mehr BSE-infizierte Rinder als in Deutschland - ergo sollte dort auch die Häufigkeit von vCJK entsprechend höher sein. Im günstigsten Fall blieben wir demnach verschont. Dieser Hoffnung würde sich auch Hans Kretzschmar, Leiter der Neuropathologie an der Universität München, gern anschließen - allein ihm fehlt der Glaube. Er rechnet mit maximal 400 bis 600 Opfern in Deutschland. "Doch auch das ist nur der Versuch, sich einer Zahl zu nähern", gibt Kretzschmar offen zu.

Auf eine ähnliche Ratlosigkeit trifft, wer nach konkreten Angaben über Ursachen und Ausbreitung der Rinderseuche sucht. Im Auftrag des Bundesministeriums für Verbraucherschutz in Bonn ist zwar eine ganze Abteilung damit beschäftigt, herauszufinden, wann wo welches Tier erkrankte und womit es gefüttert wurde. Doch die Daten sind nicht öffentlich zugänglich. Es gebe noch nicht genügend Fälle, um sichere Auskünfte zu erteilen, lautet die etwas zynisch klingende Erklärung. Die Einzelheiten aus den Bundesländern gingen auch nur sehr zögerlich ein, sagt eine Sprecherin aus dem Amt. Einstige Versprechungen von Transparenz und Offenheit scheinen schon zu weit zurückzuliegen, als dass man sich in den Verbraucherschutzministerien noch daran erinnert.

Nachdem im BSE-Ursprungsland Großbritannien bereits über 180 000 Tiere am Rinderwahnsinn erkrankten, hat sich die Tierseuche auf fast ganz Europa ausgedehnt. Seit dem 2. Juli dieses Jahres kann sich auch Griechenland nicht mehr BSE-frei nennen. Nur Schweden, Finnland und Österreich blieben bisher verschont. Deutschland liegt mit seinen nunmehr 99 positiv getesteten Rindern europaweit an sechster Stelle. Gegenüber Irland (680 bestätigte BSE-Fälle) und Portugal (574 Fälle) sind wir damit zwar vergleichsweise glimpflich davongekommen, zur Sorglosigkeit besteht aber kein Anlass.

Das zeigt sich am Beispiel Bayern: Mit bisher 47 erkrankten Rindern steht der Freistaat einsam an der Spitze des nationalen BSE-Rankings. Niedersachsen mit derzeit 13 bestätigten Fällen folgt weit abgeschlagen. Doch was sind die Ursachen für die Spitzenstellung Bayerns? Mit der Verfütterung verseuchten Tiermehls allein lässt sie sich kaum erklären - vor allem, da die Bauern bereits seit 1994 kein Tiermehl mehr an Wiederkäuer verfüttern durften. Geht die Infektion doch eher von den Milchaustauschern, dem Ersatzfutter für Kälber, aus? Schließlich setzten die Hersteller dem Kälberfutter noch bis Anfang Dezember 2000 tierische Fette zu, gewonnen unter anderem aus Kadavern verendeter Rinder.

Der Verdacht gegen die Milchaustauscher erhärtete sich Anfang Juli, als bekannt wurde, dass in der Region um die Stadt Kempten im Allgäu sechs der Bauern mit BSE-Fällen von derselben Firma mit dem Kälberfutter beliefert worden waren. Inzwischen schließt auch das Bayerische Verbraucherschutzministerium nicht mehr aus, dass die BSE-Erreger von Milchaustauschern übertragen werden. Doch Genaueres weiß niemand. Zwar laufen derzeit Untersuchungen, in denen möglichen Infektionswegen über das Ersatzfutter nachgegangen wird. Ergebnisse gibt es aber noch nicht. Deshalb gilt offiziell in Bayern Tiermehl weiterhin als Hauptüberträger der BSE-Seuche. Das Bayerische Verbraucherministerium und die Verbraucherzentrale in München warnen unisono vor einer Lockerung des Tiermehlverbots - zum Leidwesen der europäischen Futtermittelhersteller, in deren Lagerhallen sich Tiermehlberge türmen. Geeignete Methoden, den Erreger im Futter zu zerstören, gibt es bisher nicht.