Hans Küng, 73, studierte nach dem Abitur in Luzern an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom Philosophie und Theologie und danach an der Sorbonne sowie am Institut Catholique in Paris. 1957 schloss er dort seine Dissertation ab. In Tübingen übernahm er 1960 eine Professur für Fundamentaltheologie, dann ab 1963 für Dogmatik und Ökumenische Theologie. Sein Engagement für die Ökumene und die kritische Haltung zu Dogmen der Kirche und der Rolle des Papstes brachten ihm weltweit Respekt; Kurie und Fakultätskollegen jedoch wollten ihn von der Lehre ausschließen. Als Kompromiss schied er 1980 aus der Fakultät aus, behielt aber bis zur Emeritierung 1996 seine Professur. 1995 gründete Küng die Stiftung Weltethos, um den Dialog aller Religionen zu fördern.

Der 25. Juli 1934 hat sich tief in mein Gedächtnis eingegraben. Es war 12.30 Uhr, und die ganze Familie saß wie alle Tage um diese Zeit am Tisch und hörte Nachrichten. Der Sprecher von Radio Beromünster meldete: Nationalsozialistische Putschisten haben den österreichischen Bundeskanzler Dollfuss ermordet. Ich war erst sechs Jahre alt, doch das Entsetzen der Erwachsenen packte mich. Meine Familie war sehr politisch, katholisch-konservativ und scharf antinationalsozialistisch. Wir wohnten im Kanton Luzern, mitten in Sursee, zwischen Rathaus und Kirche; im selben Haus war unser Schuhgeschäft, das größte der Region. Mit zehn Jahren las ich regelmäßig den Politikteil der Zeitung und war bestens vorbereitet, als der Deutschlehrer uns als Aufsatzthema auftrug, über den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs zu schreiben. Wie immer gab er jedem von uns einen Doppelbogen Papier, meist reichte das. Wer mehr brauchte, ging zu ihm ans Pult und holte sich den nächsten Bogen. Ich schrieb 28 Seiten, ging sechsmal nach vorne - ich kannte ja alle Staatsmänner, die Phasen der Verhandlungen, die strategischen Planungen.

Die Kirche interessierte mich lange Zeit mäßig. Mit sechs Jahren, kurz vor der Kommunion, sollten wir das erste Mal zum Beichten. "Ich habe gestohlen", bekannte ich und dachte, das sei genug gesagt. Aber der Beichtvater wollte wissen, was und wie viel. "Es waren Trübeli, am Gartenzaun, auf dem Rückweg von der Badeanstalt", erklärte ich und erhielt die Absolution. Doch vom Beichten beim "hochwürdigen Herrn Stadtpfarrer" hatte ich genug. Auch wenn er erhaben mit Gehrock und breitrandigem Hut durch Sursee schritt, hinterließ das bei mir wenig Eindruck.

Franz Xaver Kaufmann war anders. Ich war neun Jahre, als er als Pfarrhelfer und Jugendseelsorger nach Sursee kam. Er trug am liebsten normale Kleidung, ging mit uns auf Freizeiten, machte Geländespiele, abends kochten wir gemeinsam - und wir vertrauten ihm unsere Sorgen an. Er hatte für alle ein offenes Ohr, fand den rechten Ton und genoss größten Respekt. Die meisten nannten ihn "Präses" - er war aber weder ein Prälat noch ein Präsident, sondern väterlicher Freund. Ein Vorbild für mich und andere in der Jugendbewegung. Mit elf Jahren war mir klar: Solches Priestertum im Dienst der Jugend würde auch meine Berufung sein. Nur der Zölibat brachte mich ins Grübeln. Ich hatte auf dem Schulweg ein Mädchen getroffen, das mir sehr gefiel. Ich war 15 oder 16 und fragte den Präses, ob ich irgendwie beides - sie und das Priestertum - kriegen könnte. Er riet mir, mich zu entscheiden. Ich küsste sie - ein einziges Mal, zum Abschied. Der Präses hatte mir bereits bei einer anderen Entscheidung geholfen. Er überzeugte meine Eltern, mich auf das liberal geprägte Kantonsgymnasium nach Luzern zu lassen. Auf ein katholisches Internat, wie sie vorschlugen, wollte ich nicht. Da wäre ich in einem katholischen Bildungsghetto geblieben, das liberales Denken ausklammerte, statt sich einer humanistischen Kultur zu öffnen.

Da es als Zeichen besonderer Begabung galt, übersprang ich einen Jahrgang - ein Fehler. In Griechisch und Algebra hatte ich die Grundlagen verpasst, in den anderen Fächern war ich im Rückstand. Obwohl ich schnell begriff und viel arbeitete, dauerte es lange, bis ich wieder gute Zensuren schrieb. Irgendwann im Jahr 1946, in der Luzerner Oper, fiel eine weitere Entscheidung. Ob Nikolais Lustige Weiber oder Verdis Rigoletto gespielt wurde, weiß ich nicht mehr, wir sahen da den Moraltheologen Professor Alois Schenker. Präses Kaufmann machte meinen Freund Otto Wüst, unseren späteren Bischof, und mich auf ihn aufmerksam und erzählte uns von seinem Werdegang: Schenker hatte am Pontificium Collegium Germanicumund der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom studiert und mit Doktoraten in Philosophie und Theologie abgeschlossen. Wir waren beeindruckt, besorgten uns Informationen und wurden angenommen.

Der Abschied von der Familie, den Freunden, der Stadt, vom See und den Bergen - für volle sieben Jahre - fiel mir schwer. Erst als ich im Zug künftige Kommilitonen traf, ging es mir besser. In Rom empfingen uns die italienische Wärme und die faszinierende Atmosphäre der historischen Bauten. Wir wurden in die roten Talare eingekleidet, die für Germanicum-Studenten typisch sind, fuhren gleich in den ersten Tagen nach Castel Gandolfo, begegneten Pius XII.; doch trotz aller neuen Eindrücke blieb das Heimweh noch lange. Vom Ziel hätte es mich nie abbringen können: Ich wollte unbedingt Jugendseelsorger werden, dann vielleicht Stadtpfarrer. An ein hohes kirchliches Amt dachte ich nicht, schon gar nicht an eine Professur.