Wer tut uns das an, was wir Schicksal nennen? Sind es zürnende Götter? Ist es der eine Gott, der uns seinen Sohn geschickt hat? Oder ist die Weltgeschichte bloß eine über ihre Gründer hinausgewachsene Lotterie?

Der letzte Vorschlag stammt von dem Schriftsteller Jorge Luis Borges. Er versteht es, die Welt auf die Größe eines Modells zu bringen; das Universum als Bibliothek, als Lexikon, als Lotterie. Das Unfassliche wird dabei nicht überschaubar und die Unendlichkeit nicht wohnlicher. Borges rückt nur unsere Grenzen an uns heran. Aus dem Horror der Leere und Ferne, den uns das All einst bedeutete, wird bei Borges ein Horror der Nähe und der Überfüllung: Die Wahrheit ist vor unseren Augen, bloß erkennen wir sie nicht im Gewimmel der Botschaften. Die Welt ist ein Palimpsest, ein übermaltes Blatt voller Dementis, Lügen, Urteile und Gesetze. In Borges' Erzählung Die Lotterie in Babylon ist die Menschheit ein Verbund von Glücksspielern. Zu Beginn kannte die Lotterie bloß Gewinner, die mit Silbermünzen belohnt wurden. Bald erschien den Babyloniern das Spiel zu harmlos und das Glück zu billig, und so kamen die Strafe, die Folter, der Tod ins Spiel. Nun wurde die Lotterie ein gewaltiger Erfolg, der vielleicht bis heute andauert.

"Der Babylonier ist nicht sehr spekulativ veranlagt", heißt es bei Borges. "Die Urteilssprüche des Zufalls nimmt er hin, weiht ihnen sein Leben, seine Hoffnung, sein panisches Entsetzen; doch fällt es ihm nicht ein, seine labyrinthischen Gesetze oder die kreisenden Sphären, die ihn enthüllen, zu erforschen." Hier kommt der sehr spekulativ veranlagte englische Regisseur Marc von Henning ins Spiel. Er sieht sich als Forscher mit den Mitteln der Kunst, als ein Lügner höherer Wahrheiten. Er hat den Sprung von London auf den continent und in den hiesigen Festspielbetrieb geschafft. Seine Theatergruppe heißt Primitive Science, und das Stück, das er für die Salzburger Festspiele inszeniert hat, nennt er The Invisible College. Es basiert auf Motiven von Borges, etwa auf den Erzählungen Die Lotterie in Babylon und Die Rose des Paracelsus.

Das ist im Theater schon mal eine alarmierende Formulierung: nach Motiven von. Man könnte auch sagen: nach Stimmungen von. Nach mit Filzstift markierten Stellen von. Von Henning raunt sich an Borges heran. Er hilft ihm, der ein entschiedener Nichtdramatiker und Nichtepiker, ein Stimmenimitator und Meister des literarischen Fake war, über eine Straße, die der nie hatte überqueren wollen: hinüber in die Kirche, zur großen Predigt. Er baut um Borges' Erfindungen eine Glocke, unter der sie dröhnen sollen.

Die Bühne ist bedeckt mit einer Dünenlandschaft, die, je nach Beleuchtung, an eine Schneeverwehung, ein Mehlgebirge oder eine Wüste erinnert. Es ist aber Salz. Darüber schwebt eine zugebissene Baggerschaufel, die irgendwann neues Salz hinabspuckt. Salz, Sand, Mehl, egal, die Maschinerie, die hier herrscht, wälzt ihr Material seit Urzeiten, und die sechs Leute, die drin herumirren, gewinnen die Präsenz von Wüstenforschern im Sandsturm. Unter ihren grabenden Händen vertieft sich die Düne zur Weltdüne. Es wird wenig gesprochen, wichtig geschritten, satt beleuchtet - von Henning will (und verfehlt) jene Melange aus Stummfilm und Hörspiel, die Robert Wilson liebt. Gewaltig ist der Horizont, vor dem seine Helden sich krümmen: Sie wüssten zu gern, an wen Adam seine Urerinnerungen weitergegeben hat (von Henning glaubt, die Menschheitsgeschichte sei ein Stafettenlauf, bei dem Adam unser Startläufer gewesen und das Staffelholz unter anderem durch die Hände von Paracelsus, Darwin und Kafka gegangen ist). Sie bewegen sich zu einer Abspannmelodie, die auf drei Tönen ruht, sie bergen eine lebende Frau aus dem Salz und graben sie wieder ein.

Ach, die Zeit! Einmal klettert ein Paar auf die höchste Düne und lässt sich fotografieren, und im nächsten Moment, Ewigkeiten später, projiziert von Henning das Foto auf einen stetigen Regen aus Salzkörnchen. Unser kleines Sein umschließt ein Schlaf, ein Salz, ein Sound. Fein gesiebtes Festivaltheater. Es erinnert sehr an die Airport-Art, die Durchreisende in den Flughäfen so genannter exotischer Länder kaufen können: Man war nirgendwo und bringt doch Souvenirs mit.