Arentz: Also, erstens ist richtig, dass die CDU auch aus meiner Sicht gut beraten ist, Antworten zu geben, die Wirtschaft, Politik, Gesellschaft angesichts der neuen Herausforderungen durch Globalisierung, durch den Umbruch im Altersaufbau der Bevölkerung, durch die technische Revolution - also, wie wir insgesamt in die Zukunft steuern; ich glaube, dazu erwarten die Menschen auch Antwort von den Parteien, die über das Showgehabe hinausreichen müssen, das der gegenwärtige Bundeskanzler pflegt. Dass man bei einer solchen Diskussion nicht von vornherein zu übereinstimmenden Ansichten, beispielsweise zwischen Menschen kommt, die eher den Unternehmern nahe stehen und solchen, die eher Arbeitnehmerinteressen vertreten, ist völlig normal, das ist ein Spiegelbild unserer Gesellschaft. Und insofern ist die Diskussion, die wir zur Zeit über das Thema der sozialen Marktwirtschaft und ihrer Erneuerung in der Union führen, eigentlich nur Ausdruck der Tatsache, dass wir Volkspartei sind. Also, um das so zu sagen: Ich finde diese Diskussion - auch der Streit im Detail - schmückt die Union und sie schadet ihr nicht.

Kapérn: Aber gleichwohl hat man zuweilen den Eindruck, zum Beispiel, wenn man sieht, wie sich Politiker der Union die Köpfe heißreden über dieses Vier-Buchstaben-Wort 'NEUE' soziale Marktwirtschaft - da hat man den Eindruck, dass da auf ein Konzept eingeschlagen wird, aber eigentlich die Autorin getroffen werden soll.

Arentz: Also, den Eindruck habe ich nun ganz bestimmt nicht. Ich kenne ja einige von denen, die den Begriff kritisch betrachten; ich gehöre selber dazu. Und das hat überhaupt nichts damit zu tun, dass ich eine außerordentliche Wertschätzung für unsere Parteivorsitzende Angela Merkel habe. Sondern es geht in der Tat um die Frage, ob erstens die Veränderung eines Markenzeichens, das einen ausgesprochen guten Ruf hat, sinnvoll und nützlich ist. Das ist aber, wenn Sie so wollen, mehr eine werbestrategische Frage. Und der zweite Punkt, der für uns viel wichtiger ist, das ist der inhaltliche Punkt. Wir wollen klargestellt haben, dass auch bei der Erneuerung der sozialen Marktwirtschaft die tragenden Überzeugungen und Gedanken der Mütter und Väter der sozialen Marktwirtschaft, nämlich zum Beispiel soziale Partnerschaft zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern, mit Mitbestimmung, mit Tarifautonomie, mit sozialer Sicherung durch Sozialversicherung, mit einem fairen Verhältnis zwischen Wettbewerb und sozialer Sicherung - dass das nicht vor die Hunde gehen darf, dass das nicht sozusagen auf dem Altar der Globalisierung geopfert wird.

Kapérn: Um noch mal auf meine Frage zurückzukommen: Sie sehen also nicht die Gefahr, dass dieses Papier, dieses Konzept zu einem Instrument im parteiinternen Machtkampf wird?

Arentz: Nein, das sehe ich überhaupt nicht. Im Gegenteil. Ich finde, es zeichnet eigentlich die Vorsitzende aus, dass sie diese Arbeit begonnen hat - wohlwissend, dass das ausgesprochen schwierig ist. Man hätte es sich einfacher machen können und hätte sich vor dieser Arbeit gedrückt. Ich sehe nicht, dass irgend jemand da ist, der an einzelnen Punkten Kritik übt, der das benutzt sozusagen - der das instrumentalisiert - gegen die Parteivorsitzende. Im Gegenteil. Ich glaube, da hat sie allgemeine Wertschätzung und Hochachtung.

Kapérn: Welche Einwende gegen Angela Merkels Konzept haben Sie?

Arentz: Meine Bedenken richten sich einmal auf die Frage, dass die Analyse im Bereich Arbeitsmarkt und Sozialversicherung doch eine sehr einseitige Sicht der Dinge aus dem Blickwinkel der Wirtschaft oder der Neoliberalen darstellt. Nehmen wir mal das Beispiel des Arbeitsmarktes: Also, sicherlich brauchen wir da möglicherweise auch ein Stück mehr Flexibilität, aber wir brauchen dann nicht nur Flexibilität, sondern wir brauchen natürlich auch Sicherheit für die Menschen, die arbeiten. Und dieser Spannungsbogen zwischen Flexibilität und Sicherheit, der wird nicht hinreichend deutlich. Oder nehmen Sie ein zweites Beispiel: Bei dem Kapitel, das sich mit der Sozialversicherung und der Mitbestimmung befasst, wird zumindest der unvoreingenommene Leser nicht sofort spüren und den Eindruck haben, dass das alles Dinge sind, die von der Union geschaffen wurden. Das wird alles eher mit spitzen Fingern und mit Skepsis und mit Misstrauen betrachtet, und das halte ich für falsch.