DIE ZEIT: Luftverschmutzung soll mehrere Prozent aller Todesfälle verursachen. Für wie solide halten Sie diese Daten?

MARGOT WALLSTRÖM: Das Bild ist bis zu einem gewissen Grad verwirrend, weil verschiedene Studien das Problem aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchten und zu unterschiedlichen, ja sogar widersprüchlichen Ergebnissen führen. Einfach klingende Statistiken sind mit besonderer Vorsicht zu betrachten, denn sie können in die Irre führen. Dennoch führen diese Untersuchungen zu der Einsicht, dass Luftverschmutzung bedeutende Effekte auf die Gesundheit hat, obwohl ihr Ausmaß heute bereits stark verringert ist, verglichen mit den fünfziger und sechziger Jahren. Wir benötigen aber noch mehr Forschung, um das Problem besser zu verstehen, und müssen zugleich handeln, um die Verschmutzung noch weiter zu senken.

ZEIT: Einige Forscher halten heute Feinstäube für die Hauptschuldigen statt Schadgase wie Schwefeldioxid oder Ozon. Wie erklären Sie die Verschiebung?

WALLSTRÖM: Ich sehe keine solche Verschiebung. Es ist nach wie vor ziemlich klar, dass diese Gase unserer Gesundheit schaden. Es wächst aber die Einsicht, dass auch beim heutigen Belastungsniveau Feinstäube immer noch von Bedeutung sind. Ein Grund dafür ist, dass wir inzwischen viel kleinere Partikelmengen und obendrein auch viel feinere Teilchen messen können als je zuvor. Zudem verfügen wir erst seit kurzem über raffinierte Computeranalysen, die es ermöglichen, klar zu trennen zwischen den Effekten von Feinstäuben und anderen Faktoren wie Wetter- oder Grippeepidemien. Daher wurde erst seit wenigen Jahren deutlich, dass die Verschmutzung mit Mikropartikeln immer noch ein ernsthaftes Problem darstellt.

ZEIT: Was macht die Feinstäube so gefährlich?

WALLSTRÖM: Wir wissen noch nicht genau, was den Partikeln zu ihren Effekten verhilft. Dies wurde recht deutlich anlässlich eines Workshops, den die WHO und wir im April veranstaltet haben. Es gibt zahlreiche Theorien, basierend auf der Größe, Form, Oberflächengröße, chemischen Zusammensetzung und so weiter. Aber wir kennen die Antwort noch nicht. Es kann gut sein, dass es nicht nur eine gibt. Partikel scheinen zahlreiche Wirkungen zu haben, vielleicht sind verschiedene Teilchen auch für verschiedene Effekte verantwortlich.

ZEIT: Noch gibt es keine definitive Erklärung, wie Feinstäube Herz-Kreislauf-Erkrankungen auslösen können. Wie gehen Sie mit dieser medizinischen Unsicherheit um?