Vier Wochen noch, dann treffen zwei alte Männer aufeinander, die sich lächelnd die Zähne zeigen werden: der deutsche Medienunternehmer Leo Kirch und der amerikanische Investor John Malone. Bisher lag der Atlantik zwischen ihnen und ihren Interessen. Jetzt will Malone, Chef des Kabelkonzerns Liberty, einen Teil des deutschen Fernsehkabelnetzes kaufen. Dass die Unterschrift noch fehlt, gilt als reine Formalität, die bis zum 18. September erledigt sein sollte. An diesem Tag werden Kirch und Malone an einem Tisch sitzen, heißt es bei Liberty. Ein Signal: Es beginnt ein rechtlicher, technischer und wirtschaftlicher Umbruch, wie man ihn in der deutschen Fernsehlandschaft noch nicht gesehen hat.

Rechtlich: Angefangen hat es mit einer Forderung aus Brüssel. Die Deutsche Telekom solle nicht gleichzeitig das Telefon- und das Kabelnetz kontrollieren, kritisierten die Wettbewerbshüter. Doch ob sich die Situation jetzt verbessert, ist mehr als fraglich. Anstelle des ehemals staatlichen Monopols entstehen mehrere private Gebietsmonopole, weil Unternehmen wie Liberty die Netze in großen Stücken kaufen (siehe Grafik). Außerdem: Abgesehen davon, dass der Rundfunkstaatsvertrag den öffentlich-rechtlichen Sendern eine Verbreitung garantiert, haben die Politiker den neuen Kabelherren viel Spielraum gelassen: Sofern diese das Netz digitalisieren, steht ihnen weitgehend frei, wen sie durchleiten.

Technisch: Die Amerikaner wollen das Kabel langfristig zum Multimedianetz ausbauen. Bis zu 500 Programme können dann übertragen werden - statt bisher 33. Auch ein "Rückkanal" wird eingerichtet: Er macht es möglich, über das Fernsehkabel zu telefonieren oder im Internet zu surfen.

Wirtschaftlich: Das alles hat seinen Preis - wie hoch er ist, verschweigen die Betreiber. Nur eines ist sicher: Die durchschnittlich rund 56 Mark (Rundfunk- plus Kabelgebühr), die ein Fernsehzuschauer im Monat derzeit bezahlt, sind im internationalen Vergleich billig. Zudem ist absehbar, dass die Kabelherren versuchen werden, den bisherigen Platzhirschen unter den Sendern mit neuen, eigenen Programmen Marktanteile abzunehmen.

Bei so viel Veränderung wächst im deutschen Fernseh-Establishment die Sorge um die eigene Zukunft. Eine Art Schutzgemeinschaft ist entstanden - angeführt von Medienpolitikern, denen ihre bisher liberale Haltung inzwischen selbst zu weit geht. Ausgangspunkt ist die Mainzer Staatskanzlei. In einem internen Brief an die Regierungschefs der Länder forderte Kurt Beck, Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, vergangene Woche die Änderung des Rundfunkstaatsvertrags, weil "die Einspeisung von Rundfunkprogrammen (Fernsehen) teilweise gefährdet sein kann". Den Entwurf legte er gleich bei.

Die Details summieren sich zu einer Art Bestandsschutz für die bisher im Kabel verbreiteten Fernsehanbieter. Deren Interessenvertreter Jürgen Doetz, Präsident des Verbandes der privaten Rundfunkanbieter (VPRT), fühlt sich verstanden (siehe Interview Seite 16). Es gelte, die "Medienvielfalt" zu bewahren, begründet Beck seinen Vorstoß. Kommt er durch, würde den Kabelnetzbetreibern viel Spielraum genommen, Investitionen wären gefährdet. Ist das angemessen?

Zappen über den Atlantik: Shawn Golding, ein einfacher Kabelkunde in Denver, weiß eine Antwort, wenn auch eine amerikanische. Lange Zeit war er nicht gerade das, was man in den USA einen happy camper nennt. Der Grund: Das digitale Kabelfernsehen und der Service ließen zu wünschen übrig. "Nur eine Hand voll der Standardprogramme hatten ein besseres Bild als vorher, und als ich einen Techniker holte, wurde es noch schlimmer." Das Problem, so stellte sich schließlich heraus, war das Kabelnetz. Malone hatte nicht viel investiert, sondern wartete nur darauf, es zu einem guten Preis wieder zu verkaufen.