Irgendwann im Frühjahr, der Sommerurlaub in Finnland war schon geplant, führte unser Weg an einem Angelfachgeschäft vorbei. Es waren wohl die Väter, selbst des Fischfangs völlig unkundig, die das Einsteigerset für 75 Mark im Schaufenster entdeckten und den Gedanken laut aussprachen: Wie wäre es, wenn die Mädchen angeln in Finnland? Der Gedanke gefiel, zwei Sets wurden gekauft und kurz vor der Abfahrt noch ein hilfreicher Ratgeber für den "direkten Weg zum Angelerfolg": 1 x 1 des Angelns. Immerhin empfohlen vom Fachblatt Fisch & Fang.

Unser Urlaubsziel liegt in Südfinnland: ein Sommerhaus mit Plumpsklo direkt am Meer auf Emsalö, einer Insel knapp eine Autostunde östlich von Helsinki. Man schaut auf die Karte und sieht: nur noch gut hundert Kilometer bis zur Grenze nach Russland. Die Julisonne hat das Meer aufgeheizt, fast lau ist das Wasser, die Bremsen laben sich, es schmeckt das Lapplandbier und auch das Grillsteak aus dem Supermarkt. Aber waren wir nicht gekommen, um zu angeln? Leif, unser finnischer Freund, dämpft die Erwartungen. "Nun ja, Barsche gibt es hier", sagt er, "vielleicht." Und er zeigt, wie lang die Tiere sein könnten: Mit allenfalls handygroßen Barschen werden wir es zu tun bekommen. Zu flach sei das Meer hier, zu warm das Wasser. Für kapitalere Beute, sagt Leif, müsste man weiter rausfahren aufs Meer. Sein skeptischer Blick bleibt an dem alten Holzruderboot haften, das zum Sommerhaus gehört, besonders an dem Loch im Boden. "Sie sollten es mit einem Flaschenkorken stopfen", hatte der Vermieter uns dringend empfohlen.

Kleine Barsche also, nun gut. Schnell die Angeln bereitgemacht, als Köder müssen erst mal Wiener-Wurst-Stückchen herhalten. Die Barsche sind wie Schweine, die fressen alles, hat Leif gesagt. Die Mädels sind entschlossen, sie jetzt zu fangen, diese Fische. Aber dann fallen die meisten Wurststücke schon beim Eintauchen ins Wasser vom Haken, und auch die übrig Gebliebenen sind nach ein paar Minuten weg. Geklaut, wie wir bald feststellen. Von den Barschen, die sich wohl lustig machen über unsere dilettantischen Versuche, sie auf den Grill zu bekommen. Hin und wieder lässt sich ein Barschlein blicken und mopst blitzschnell die Wurst vom Haken. Man müsste jetzt, in diesem Moment, so steht es im 1 x 1 des Angelns, "mit der Rute eine schnelle Bewegung von unten nach oben ausführen und so den Haken ins Fischmaul treiben". Aber das lesen wir erst viel später, schon wieder zurück in Deutschland. Wir lassen den Barschen die Wurst, ihren kleinen Triumph. Nun, wir hätten sie töten können, theoretisch, aber wir haben drauf verzichtet. So kann man das auch sehen.

Genau genommen hätten wir sie gar nicht töten können. Wir haben nämlich kein Mordwerkzeug dabei bei diesem ersten Versuch, keinen Hammer, keinen Schlagstock. Was wäre passiert, wenn ein Fisch, vorsätzlich lebensmüde oder fahrlässig waghalsig, den Haken tatsächlich in sein Maul gerammt hätte? Unser kleiner Helfer weiß - im Kapitel Waidgerecht töten - natürlich Rat: "Ausgeführt wird der Schlag am Hinterkopf, kurz hinter den Augen. Der Fisch wird ein paar Mal kräftig zucken, bevor er sich nicht mehr regt. Um ihn zu töten, stechen Sie mit einem Messer in Höhe der Brustflossen von unten in den Fisch ein."

Töten. Darüber haben wir gar nicht gesprochen. Wie man das macht. Womit. Und wer es tut vor allem.

Abends essen wir Lachs, frisch geräuchert, vom Markt. Die Mädels essen Wiener Würstchen - die gleichen wie die Barsche.