die zeit: Was haben die Deutschen falsch gemacht, dass sie zum Schlusslicht in Europa geworden sind? In keinem anderen Land der Europäischen Union wächst die Wirtschaft 2001 derart schwach und entwickelt sich der Arbeitsmarkt derart ungünstig wie in der Bundesrepublik.

Fritz W. Scharpf: Die Deutschen leisten sich ein Steuer- und Abgabensystem, das neue Beschäftigung - besonders in dem wichtigen Bereich einfacher Dienstleistungen - verhindert und Arbeitsplätze vernichtet.

zeit: Blockiert die Steuerreform, immerhin ein Paradestück der rot-grünen Bundesregierung, neue Arbeitsplätze?

Scharpf: Die Erfahrungen in unterschiedlichen Wirtschaftsnationen belegen, dass es für die Beschäftigung nicht darauf ankommt, wie hoch die Einkommensteuerlast oder auch die Steuerbelastung insgesamt ist. In Dänemark beispielsweise ist die Steuerlast weitaus höher als in Deutschland, und dennoch waren die Dänen bei der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit viel erfolgreicher. Entscheidend ist die Struktur, die Verteilung der Steuerlast. Enorme Hindernisse für mehr Arbeitsplätze sind die hohen Verbrauchsteuern, soweit sie auf einfache Dienstleistungen erhoben werden, und die Sozialabgaben. Man könnte die Einkommensteuer auf Arbeitseinkommen sogar erhöhen, ohne dass dieses der Beschäftigung schadet - vorausgesetzt, dass Unternehmensgewinne und Kapitaleinkommen verschont würden.

zeit: Die Steuerreform senkt die Einkommen- und Körperschaftsteuer - ein Fehler?

Scharpf: Die Deutschen hatten in der internationalen Steuerkonkurrenz einen hohen Nachholbedarf, die Kapitaleinkommen zu entlasten. Im Gegensatz zu Deutschland haben Schweden, Finnland und Norwegen ein Steuersystem, das die Beschäftigung fördert: Dank eines gespaltenen Steuersatzes werden Kapitaleinkommen dort niedrig besteuert, sodass die Investitionsfreude nicht gedämpft wird; alle übrigen Einkommen, vor allem aus Arbeit, werden dagegen sehr hoch besteuert. Wegen des bei uns geltenden Rechtsgrundsatzes, dass alle Einkommen gleich zu besteuern seien, können wir diesen Weg nicht gehen. Aber in der Tat ist es beschäftigungspolitisch problematisch, dass sich die gegenwärtige Reform auf die Senkung der Einkommensteuer konzentriert.

zeit: Die meisten Wirtschaftswissenschaftler und auch Politiker aller Couleur haben immer wieder verlangt, die Belastung der Bürger von der Einkommensteuer zu den Verbrauchsteuern zu verlagern. Sie empfehlen jetzt genau das Gegenteil.