Vor 100 Jahren starb Hein Köllisch, Mitte vierzig, ganz Hamburg gab ihm das letzte Geleit. Wunderbare Lieder und Couplets hat er geschrieben, De Pingsttour, De Reis no Helgoland, alles in Hamburger Platt. Köllischs Universum hieß sein Etablissement auf St. Pauli, als St. Pauli noch ein Theaterviertel war. Immerhin, eine CD ist zum Datum erschienen, in einem Liebhaberverlag. Aber eine Biografie? Ein Buch mit Texten und Bildern? Eine Ausstellung gar? Ach Gott, Hamburg.

In Berlin wäre das gewiss anders gewesen. Oder in München. Erstaunlich auch, wie Wien seit einigen Jahren sein Kabarett- und überhaupt Humor-Erbe aufpoliert. Etliche Bücher mit Texten Wiener Brettl-Künstler reihen sich inzwischen auf dem Regal, bekannte und weniger bekannte Namen, Fritz Grünbaum, Karl Farkas und viele andere. 1997 gab es auch, nebst einer Ausstellung, einen Band voll herrlicher Groteskgedichte von Peter Hammerschlag (Die Wüste ist aus gelbem Mehl), dessen Werk bis dato zumeist in der "Bearbeitung" Friedrich Torbergs überliefert war. Jetzt folgt im selben Verlag, Zsolnay, mehr Hammerschlag: Prosa, wieder mit einigen Zeichnungen des Autors, die in ihrer naiven, knopfigen Eleganz seltsam an die piktogrammatischen Vignetten heutiger Postpop-Illustratoren erinnern.

Eine Generation jünger als Egon Friedell oder Grünbaum, wurde Peter Hammerschlag im Juni 1902 in Wien geboren. Seine Eltern, der Vater war Arzt, liebten die Literatur und zählten Karl Kraus und Peter Altenberg zu ihrem Kreis. 1908 wandte sich die Mutter vom Judentum ab und ließ sich taufen, auch Söhnchen Peter wurde in den Katholizismus gesteckt. Nach dem Abitur zog es Hammerschlag gleich zur Kunst; er studierte ein bisschen an der Kunstgewerbeschule und machte sich bald einen Namen als Grafiker und Feuilletonist. Von Wien ging es nach Berlin, von Berlin zurück nach Wien; beim Lieben Augustin, einer neuen Kleinkunstbühne, wurde er Hausautor, doch eigentlich nahmen fast alle Brettl seine Texte ins Programm. Eine goldene, allzu kurze Epoche: 1938, nach dem "Anschluss" und dem Einmarsch der Wehrmacht, als Hunderttausende innerlich aufs höchste empörte Österreicher Hitler zujubeln, ist es mit der Weltstadt Wien vorbei. Hammerschlag flüchtet nach Jugoslawien, muss zurückkehren und taucht, nach der Deportation der Eltern, kurz vor seinem 40. Geburtstag unter. Bald darauf wird er verraten, am 17. Juli 1942 verhaftet und nach Auschwitz verschleppt; der Tag seiner Ermordung blieb bis heute unbekannt.

Wer den Lyriker Hammerschlag kennt und (also) liebt und neugierig die Nase in den neuen, ausgezeichnet edierten und gestalteten Band Prosa steckt, wird allerdings zunächst ein wenig enttäuscht. Ein Erzähler ist Hammerschlag nicht; just die titelgebende parabelhafte Satire Die Affenparty, in der Menschen zu Affen und Affen zu Menschen werden, tapst allzu humorig daher und entfaltet allenfalls den nostalgischen Charme einer neckischen alten Ansichtskarte. Nein, Hammerschlags Stärke ist das Feuilleton, das beobachtende und mehr noch das poetisch ausfantasierte. Wenn er Kindern auf dem Spielplatz zusieht, Nachbarn in der Straßenbahn, sein Publikum im Kabarett mustert (und dabei den Typus des Steinernen Gastes fixiert, der, in stumpfer Reglosigkeit erstarrt, noch jede Pointe vernichtet hat), dann verwandelt sich die Welt in eine groteske Szene. Wundervoll die Parkliebe zwischen dem seibernden Kleinkind und der sabbernden Bulldogge. Oder - ein Waldmüller-Bild, von George Grosz übermalt - das Drama einer Sandkastenrebellion, da der Held dem Kindermädchen entlaufen ist und kühnen Mutes, unter den zärtlich bewundernden Blicken der zaghaften Spielkameradinnen, wonnevoll in die Pampe taucht. Oder das plastische Porträt des notorischen Zeitungsmitlesers in der Straßenbahn, das an die Komik eines Mr. Bean denken lässt: "Dieser Subabonnent ist ein tüchtiger Bursche. Er kauft sich prinzipiell keine eigene Zeitung. Da er aber doch die Nachmittagsblätter lesen muß, ringelt er sich, duckt er sich, wendet das Hälschen, schlängelt sich an hochgewachsenen Zeitungsbesitzern empor, ein bildungshungriger Efeu."

"Life is a Cabaret", singt Liza Minelli in diesem berühmten Film. Auch Hammerschlag zeigt uns die Welt als Kabarett, schon die Kleinsten sind die größten Komiker, ohne es zu merken. Und so spielt jeder den Sketch, den er für sein Leben hält, mag der auch - wie im Fall Hammerschlags und manch anderer Kabarett-Virtuosen in großdeutscher Zeit - mit einer bitteren, einer grausigen Pointe enden.

Peter Hammerschlag:Die Affenparty. Prosa, hrsg. von Volker Kaukoreit und Monika Kiegler-Griensteidl; Zsolnay Verlag, Wien 2001; 166 S., Abb., 35,- DM