War eben kurz zur Tür raus: Himmel! Die kalte Wasserflut haut mir aufs Haupt und Gemüte! Wir haben August, Mensch! Der Schnulzenputzi ist im Südwester zu den Spielwaren, um sich dort, auf dem luftigen Weltmarkt unserer Bahnhofstraße, "Glibbermasse" zu besorgen. - "Tu das, mein Sohn!", brummte ich ihm wohlwollend nach. (Muss ja sein: langsame Verlängerung des Familienlebens ins Weltweite, erstes Umspannen der Großwelt - qua "Glibbermasse"!

Und warum nicht? Denn fürwahr ein merkwürdig giftgrünes Material, die Glibbermasse; man kann sie gegen die Wand schmeißen, wo sie haften bleibt, oder kann sie etwa schadlos zwei, drei Meter auseinander ziehen, und dann kraucht das Zeug, nie ganz die Form, aber immer strikt die eigene Wesenseinheit wahrend, klebrig-reptil die Wand herab und schrumpelt allmählich wieder zu einem Klumpen chemieindustrieller Inspiration zusammen. Überlebenstaktisch nicht unklug, das Ganze!) Ihm, dem Sohne, am Fenster nachsinnend: Wird er, der Schnulzenputzi (8), einmal einer sein, der, wie ich, sich die Welt erdichtet und daher an der Krankheit leidet, sie nicht mehr unmittelbar erfassen zu können, oder wird er sie sich erraten und tüchtig erkundschaften wie seine Mutter, die wiederum daran leidet, alles für wahr und ernst nehmen zu müssen?

Eben sie, mein lieb Ehezweiglein, sitzt unterdessen beim Friseur, irgendeiner ernsthaften Kurpackung als auch wahrhaften Welle wegen oder was; man wird sehen. Und ich lief heut schon früh beschirmt zur Lottoannahmestelle, um das Familienleben qua Samstagslottoeinsatz auch finanziell etwas mehr abzustützen; eine hoffnungsfroh gehobene Stimmung dort! - Über uns allen, im Jackpot, sollen sich ja gerüchteweise an die 29 Millionen Mark stauen! Und alle dachten sich für den Fall des großen Groschenfalls verwegenste Kreuzfahrten auf den Lottoscheinen aus. Man war froh und freundlich zueinander, ließ aber hinter vorgehaltenen Handschutzschilden partout keinen abschreiben. So werden dann also das Weib verschönt und der Sohn beglückt heimkehren, derweil ich schon guter Dinge häuslich umhersinne und die Lage für gut befinde. Das Wetter aber ist eindeutig krank!

Versuche mit dem Vakuum

Frau vom Stadtmagazin ruft an, Umfrage: "Kapielski, was wird, wenn Gysi Bürgermeister wird?" - "Alles besser!" - "Ernsthaft?" - "Ja, oder alles schlechter! Oder man merkt gar nichts. Denn wenn man kein Fernsehn guckt und Zeitung liest, merkt man nicht, wer, wo, was Gysi und besser oder schlechter ist. Schreiben Sie das!"

Montag, Charlottenburger Stammtisch. Neuigkeiten: Kellnerin Trixi ist gekündigt, vermutlich, weil zu schnell - das störte den Betriebsfrieden. Das Trixi eher gewogene Volk quälte den Wirt deshalb respektlos, und der Wirt quälte das Trixi eher gewogene Volk mit zäh verschlepptem Nachschub und verstreute auch das Gerücht, es seien zwielichtige Trixitrixisachen vorgefallen. Sein Pech! Als starke Steuerbluter haben wir hier nämlich alle viel Verständnis für Trixitrixisachen! Dann am Tisch ziemlich viele Krankengeschichten; wir rücken halt in geschlossener Formation teils auf sechzig, teils auf fünfzig vor. Die noch Gesündesten unter uns tummeln sich darüber und darunter und überraschen stets mit allerhand Weibergeschichten! (Einer unserer unverwüstlichsten Uns-voran-auf-siebzig-zu-Lebenden: Er habe neulich in die Badewanne gewichst, da größeres Gefäß nicht zur Verfügung stand! - "Boh, du Sau!") Da morgen Vollmond, sahen sich auch noch alle genötigt, wie geisteskrank gegen diesen körperlichen oder moralischen Niedergang anzusaufen. Und obwohl wir alle genau wussten, dass wir sterben werden, glaubten wir es heute einfach nicht! Na, ich weiß wenigstens noch, dass ich da war.

In Peking war jetzt im Frühjahr eine Kampag-ne gegen explodierende Bierflaschen amtlich gestartet worden, da beim chinesischen Verbraucherverband Tausende Beschwerden sich häuften, Personen bereits auch zu Tode gekommen und zerfetzt und sonst wie beschädigt worden waren. Es stand so, ziemlich splitterig, in der Zeitung. In Berlin hingegen war einem Manne um etwa die gleiche Zeit die Zunge im Halse einer Bierflasche stecken geblieben. Dies war erst gar nicht aufgefallen. Der Mann hockte seit Stunden gebeugt über der Flasche, man wähnte ihn schlicht besoffen, bestenfalls nachdenklich, hatte es in Wahrheit aber mit einem Verzweifelten zu tun, der sich heimlich mühte, seine festgesaugte Zunge aus der Flasche zu ziehen.