Paul Morand war genau der Typ, der uns immer die schönsten Frauen wegnimmt, ohne dass wir den Frauen deshalb grollen können, denn er war klug, schön, erfolgreich. Und das Beste: Er hatte Geld. Sein Vater Eugène war Schriftsteller und Maler, der Sohn, 1888 geboren, genoss eine wundervolle Ausbildung. Zum Beispiel war im Jahre 1905 Jean Giraudoux sein Privatlehrer (dessen Ruhm, groß in den fünfziger und sechziger Jahren, ist verblasst, seine Theaterstücke werden kaum noch gespielt; schön wie eh und je sind seine kleinen Romane). So einer, sagt man sich dann, wäre man wohl auch gern gewesen. Er studierte in Oxford und Paris, wurde Diplomat in London, Rom, Madrid; und dann, in Paris, liierte er sich mit einer der fashionabelsten jungen Frauen, der Prinzessin Hélène Soutzo, einer sehr schönen Rumänin, die ein Appartement im Ritz bewohnte. Nadar hat sie fotografiert: Sie steht vor verschwenderisch gemalten Bäumen, sehr zierlich, in einem bodenlangen Abendkleid, das ein verführerisches Dekolleté hat. Auf dem wundervollen Hals sitzt ein charmantes Gesicht, Mund und Augen lassen kecke Repliken schließen, und sie trägt eine Krone. 1917 lernte Proust sie kennen, und eine Zeit lang dinierte Proust regelmäßig in kleinem Kreise im Ritz; er mochte beide, und er mochte das Ritz, er las gern Morands Bücher; er schrieb auch einen Essay über Morand, in dem es eigentlich nur um Baudelaire geht.

Und wirklich war nun Morand ein sehr guter Schriftsteller, das kam noch dazu; und glitt durch die Welt wie Barnabooth, Larbauds Milliardär, in Salonwagen, in schweren oder schnellen Autos - so einer, sagt man sich noch einmal, wäre man auch gern gewesen. In dem furiosen kleinen Roman, den wir hier vor uns haben, denkt sich Morands Held einmal, als er reist: "Sein Land zu verlassen ist die größte Freude nach der, wieder zurückzukehren." Morand liebt solche Bonmots, und sie stehen ihm. Sein Held hat sich verliebt, unterwegs, er denkt zurück an sein Leben in Paris, und schön heißt es: Das dort gewohnte "behagliche Leben, von weitem betrachtet, kam ihm vor, als bestehe es aus lauter Entbehrungen". Es sind kluge Beobachtungen genau auf der Reflexionsebene des Lebens, das da gelebt wird, und das heißt: Lustvoll anregend weht uns aus solchen Büchern der Geist wach durchlebter Zeiten an; und wieder wären wir gern damals schon da gewesen.

Man mag nicht verschweigen, dass Morand sich später als Diplomat der Vichy-Regierung zur Verfügung stellte; sie ließen ihn das in Frankreich ein kleines bisschen büßen, aber nach einiger Zeit, und seinen Büchern hatte das auch nicht geschadet (das ist ja der elende Glanz der Literatur), nahm ihn doch die Académie française auf, und er starb in Ehren 1976, 88-jährig; die schöne Soutzo war anderthalb Jahre vor ihm gestorben.

Vor zwölf Jahren hat der Verlag Kellner zwei seinerzeit berühmte Bücher Morands in einem Band herausgebracht, Ouvert la nuit und Fermé la nuit aus den Jahren 1922 und 1923, das Buch ist vergriffen. Die Fusion erschien 1924 unter dem Titel Lewis et Irène; Lewis ist in dem Buch ein bei weitem nicht so gut erzogener Mann wie sein Autor, aber Geld und alles hat auch er, und auch er nimmt uns die schönste Frau weg, Irène. Zwar behält er sie nicht, aber das ist nichts als das bisschen poetische Gerechtigkeit, das der Glückliche gern verstreut, wenn er schreibt; und wenn er so gut schreibt wie hier Morand, dann sind wir armen lesenden Toren auch noch zufrieden.

Paul Morand:Die Fusion; a. d. Französischen von Dirk Hemjeoltmanns; Manholt Verlag, Bremen 2000; 159 S., 36,- DM