Lyriker, sagt Gottfried Benn, können keine Romane schreiben, Romanschriftsteller keine Gedichte. Der Lyriker wartet auf den Moment, da sich ihm eine poetische Vision in einer Ausdrucksgestalt verdichtet, und er muss oft lange warten, so lange, dass auch dem Genialsten, wie Benn behauptet, im Leben allenfalls sechs bis acht Gedichte von höchster Vollendung gelingen. Ein Lyriker setzt sich nicht morgens an den Schreibtisch und "dichtet" den ganzen Tag lang wie der Romancier. Ingeborg Bachmann hat es schier wahnsinnig gemacht, Max Frisch in der Zeit ihres Zusammenlebens in Rom und Zürich schon frühmorgens in seinem Arbeitszimmer an der Schreibmaschine klappern zu hören, während sie auf einen der seltenen Momente wartete, da der Engel durchs Zimmer geht und ein Bild gelingen will. Anders als der Lyriker hat der Romancier zu "arbeiten", denn ihm geht es in erster Linie nicht um konzentrierten Ausdruck, sondern, ummit Hegel zu reden, um die "Totalität der Objekte".

Die erfolgreichste deutsche Lyrikerin der letzten Jahrzehnte, Ulla Hahn, hat schon 1991 einen Roman vorgelegt: Ein Mann im Haus, ein Werk, dessen thematische Krudität viele Freunde ihrer Gedichte schockiert hat. Einen richtigen Roman, der die Regel der Unvereinbarkeit von lyrischem und epischem Talent außer Kraft setzen würde, kann man diese knapp 150 Seiten lange Erzählung indessen kaum nennen. Nun aber hat Ulla Hahn ein fast 600 Seiten umfassendes, wahrhaft monumentales Prosaepos veröffentlicht. Es handelt sich um einen Kindheitsroman über die fünfziger Jahre in der rheinischen Provinz. Obwohl der Horizont des Kindes und seines Milieus selten überschritten wird, spiegelt er wie kaum ein anderer Zeitroman - und aufgrund des Zeitabstandes natürlich wesentlich distanzierter als etwa die Erzählungen Heinrich Bölls, die inmitten dieser Zeit geschrieben sind - die kulturelle Atmosphäre der fünfziger Jahre: ihr restauratives Christentum, die aus deutscher Gemütsbiederkeit und Fernweh zusammengereimten Schlager, die wohltemperierte Radio- und beginnende Fernsehwelt, die ängstlich-lüstern über die Grenzen des Sittlich-Bekömmlichen hinausschweifenden Kinoerlebnisse, die noch ganz vom bürgerlichen Literaturkanon geprägte Lektüre und das durch Existenzialismus und absurdes Drama allmählich verunsicherte Literaturtheater.

Mit Lesen fängt das Leben an

Mit der Frage, ob die zierliche Lyrikerin sich da nicht eine Last aufgebürdet hat, die sie alsbald erdrücken wird, mag der Leser die Lektüre beginnen. Doch zu seiner eigenen Verwunderung wird er schon auf den ersten Seiten entdecken: Hier schreibt eine geborene Epikerin, welche die "Totalität der Objekte" in einen gegenstandsgetreuen und doch stets spannenden Erzählfluss bringt.

Warum bleiben die Romanfiguren einer in ihrer Art so bedeutenden Schriftstellerin wie Ricarda Huch zum Beispiel stets schemenhaft, kaum je konkret vorstellbar? Warum gelingt es hingegen Thomas Mann, eine Person mit wenigen Zeilen zum Leben zu erwecken? Siegfried Lenz hat in einem Essay über die Buddenbrooks bemerkt, dass es nicht die wichtigen Persönlichkeitsmerkmale, sondern oft gerade belanglos scheinende Äußerlichkeiten sind, deren knappe Schilderung einen Menschen so kenntlich macht, dass wir ihn sofort lebendig vor uns sehen. Das Geheimnis dieser Herstellung einer literarischen Figur mit den geringsten Mitteln und auf engstem Raum beherrscht auch Ulla Hahn. Ein paar Federstriche, und schon ist eine Person, ist ein Raum, eine Situation ganz einfach "da".

Hildegard, die Protagonistin, soll zum Dank für das erlassene Schulgeld dem Bürgermeister ihrer Gemeinde ein Alpenveilchen bringen. Seine Frau Walburga, so erfährt man, ist geistesgestört. "Die Fäden ihrer Seele sind verwirrt", sagt Bertholdis, eine der von Hildegard geliebten Klosterschwestern, die für sie Poesie und Menschlichkeit der Kirche verkörpern, während sie das Christentum in ihrem Elternhaus fast nur als moralische Folterkammer erfährt. Die euphemistische Metapher der Schwester nimmt Hildegard ganz wörtlich: "Ich stellte mir ihr Inneres wie einen Wollstrang vor, der, nicht ordentlich zum Knäuel gerollt, völlig durcheinandergeraten war." Hat Walburga ihre "Zustände", singt sie mit hoher Engelsstimme Kirchenlieder, doch dann schlägt ihr Sopran plötzlich in eine tiefe Männerstimme um, die obszöne Matrosenlieder grölt.

Versteckt erfährt der Leser, dass Walburgas Mutter Jüdin war. Ihr Vater hatte sich im "Dritten Reich" gerade noch rechtzeitig scheiden lassen - inzwischen hat er längst wieder in der Landespolitik Karriere gemacht -, und die Mutter wurde offenbar deportiert und in einem Konzentrationslager ermordet. Doch das muss sich der Leser aus Andeutungen erschließen, auch dass die Gestörtheit Walburgas die Folge des Schocks durch das Schicksal der Mutter ist, denn die Perspektive des Kindes, das all dies nicht begreift, wird hier nicht verlassen. Verwirrt von dem in den Augen des Hilfsarbeiterkindes betäubenden Luxus der Bürgermeisterwohnung und verzückt von der Schönheit der Blume, die sie in ihrem Elternhaus noch nie gesehen hat, lässt Hildegard das Alpenveilchen in dem Moment, da der Bürgermeister es in Empfang nehmen will, zu Boden fallen. "Es fiel auf seine spiegelnden schwarzen Schuhe, die, was ich sah, als ich mich bückte, geschwungene Bordüren mit gestanzten Löchern hatten." Es ist eine Erfahrung, dass gerade in Momenten starker seelischer Spannung nebensächliche Erscheinungen überscharf wahrgenommen werden.