Da in G.L.A.M. nichts von irgendwelchem Belang verhandelt wird, könnte man sich also eine künftige Literatur als reine, aber gediegene Form vorstellen, vielleicht in Buche massiv, in der alles unterzubringen wäre (außer natürlich Ironie, Geschmacklosigkeiten und Protest). Aber das ist es wohl nicht, was die neokonservativen Ästheten, deren Manifest Tristesse royale jetzt als edel-weißes Taschenbuch erschienen ist, mit ihren textuellen und textilen Äußerungen bezwecken. Für sie ist Schreiben ein Statement zur Wirklichkeit, vorgetragen als Garnitur des sich selbst in Szene setzenden Individuums.

Dazu kann man gar nichts weiter sagen. Entweder mir gefällt Ihre Handtasche, oder sie gefällt mir halt nicht. Tragen Sie sie ruhig. Es gibt Bücher, die liest man. Und es gibt Bücher, die werden wirklich gelesen. Zur ersten Gattung gehört beispielsweise das literarische Schlüsselwerk des kapitalistischen Realismus, die Moritat vom bösen Banker Bateman (American Psycho von Bret Easton Ellis), der die Leute, bevor er sie massakrierte, ausführlich vorzustellen pflegte: etwa als Träger eines Zweireihers von Cerruti 1881, eines weißen Baumwollhemds von Yves Saint Laurent, einer Seidenkrawatte von Bill Blass und Schuhen von Manuel Blahnik (oder so ähnlich).

Wo bleibt die Kunst?

American Psycho wurde als ein moralisches, antimaterialistisches Statement verstanden. Dabei zählt das Buch nur auf, was damals in New York an Marken gerade hip war. Dies war noch zu Beginn eines neuen Nominalismus (vor Pradas Aufstieg und vor dem Wegfall der Ironie), der inzwischen kaum mehr ein Kleidungsstück, keine Handtasche und keine Unterhose ohne verbalen Mehrwert auf den Markt entlässt. Ob Edelmarke oder Billigfetzen, es muss eine Bezeichnung geben, die die Handtasche von der Handtasche unterscheidet: Gucci. Gap. Hermès. H & M.

Unsere Realität ist differenziert. Der Realismus ist es folglich auch. Markennamen sind zu einem nicht zu unterschätzenden narrativen Element geworden, sie erzählen Zusammenhänge und liefern Charakteristika, die man nur mit großer Umständlichkeit und unter Zuhilfenahme vieler Adjektive in ein literarisches Abbild der Wirklichkeit bringen könnte. Markennamen kann man lesen wie Kürzel, die Oberflächensegmente beschreiben, und das präzise. Deshalb sind sie - Literatur der Mode - ein wesentlicher Bestandteil des kapitalistischen Realismus geworden. Aber, das ist doch immer die bange Frage, wo bleibt dabei die Kunst?

Kunst, zumal die bildende, die schon immer mehr mit Namen auf den Markt ging, spiegelt den Zeitgeist, widerspricht ihm und bildet ihn weiter. In der Frankfurter Schirn war bis vor kurzem ein Bild zu sehen, das - Weiß in Weiß - Dreidimensionalität vortäuschende Scheiben zeigt. Rechts - quer über das untere Drittel des Bildes - läuft ein Balken, auf dem "susanne paesler" - der Name der Künstlerin - zu lesen ist. Dieser höchst diabolische Kommentar zum Thema Markenware und Kunst macht da weiter, wo der kapitalistische Realismus nicht einmal hinkommt: bei der Abstraktion desselben. Mit mehreren Bildern, in verschiedenen Farben, geometrischen Formen und Formaten, aber mit immer demselben Schriftzug wäre die Grenze vom Kunstwerk zum Konsumartikel auf einem neuen Weg überschritten.

Erinnern Sie sich an das alte Beispiel mit der Banknote? Wenn auf ein Stück Papier eine Zahl gedruckt wird, ist das Papier genau diese Summe wert. Geld als Metapher. Es funktioniert, solange alle daran glauben. Oder sich so verhalten, als täten sie es. Man nennt so etwas Konvention. Andy Warhol übrigens signierte einst Geldscheine. Dann waren sie noch mehr wert. Und das Frankfurter Bild heißt: signature.