Joggen, gleich in der Früh, sieben Kilometer - so beginnt mein Donnerstag .

Dann wird für rund zwei Stunden trainiert: Ich werde meine Verknüpfungspunkte und meine Kodiersysteme immer wieder im Kopf durchgehen. Konkret heißt das: die Zahlen von 1 bis 999 Gegenständen, Personen und Tieren zuordnen, denn als Bilder merkt man sie sich viel besser. Die Idee basiert auf einem bekannten System, das ich aber erweitert habe. In den Koffer packe ich Zahnbürste, zwei Anzüge, meine Jonglierbälle. Jonglieren lockert und aktiviert das Gehirn. Magnesium und Glukose kommen mit rein, Bananen kaufe ich frisch vor Ort. Auch meine Brain-Light-Maschine nehme ich mit. Mittels einer speziellen Abstimmung optischer und akustischer Frequenzen beeinflusst sie die Gehirnwellen.

Ich habe viel Arbeit, daher gehe ich spät ins Bett. Aber weil mein Flug erst mittags startet, kann ich am Freitag prima ausschlafen. In London mache ich gleich noch einmal etwas Gehirntraining, danach schaue ich mir den Veranstaltungsort an: Simpsons in the Strand. Es soll dort auch schon Schachweltmeisterschaften gegeben haben. Abends gehe ich sicher zum Joggen, damit ich, schön erschöpft, tief schlafen kann. Für den Wettkampf ist es sehr wichtig, ausgeruht zu sein.

Am Samstag beginnt morgens der Wettkampf. Die erste Disziplin wird wohl "Text" sein: Man hat 15 Minuten Zeit, sich einen unbekannten Text einzuprägen und wörtlich wiederzugeben. Es folgt das Memorieren von Binärzahlenfolgen. In der Disziplin bin ich beim letzten Mal mit 2187 Folgen Weltmeister geworden, dieses Jahr will ich den Weltrekord - er liegt bei 2745 - brechen. Nach der Mittagspause sind Namen und Gesichter dran. Man bekommt 100 Porträtfotos vorgelegt, nach 15 Minuten muss man den Gesichtern Vor- und Nachnamen zuordnen. Das ist extrem schwierig, weil viele Porträts aus Asien und Afrika mit dabei sind. Gegen 8 Uhr Abends ist Schluss. Kurz essen, joggen, ab ins Bett.

Der Sonntag unterscheidet sich kaum vom Samstag: ausschlafen, kleines Frühstück, joggen, dann die nächsten fünf Disziplinen. Am Ende der Meisterschaft kommt die Königsdisziplin, das Kartenmemorieren. Man bekommt einen Stapel von 52 Spielkarten. Innerhalb von fünf Minuten muss man sich die Abfolge der Karten einprägen und sie von einem zweiten, geordneten Stapel nachlegen. Gegen acht Uhr abends erfahren wir, wer neuer Weltmeister ist. Ich vermute, dass es dieses Jahr sehr knapp wird. Würde ich wieder wie letztes Jahr Bronze gewinnen, dann wäre ich schon glücklich. Silber habe ich noch nie erreicht, das wäre ein großer Erfolg. Und Gold? Davon wollen wir jetzt nicht reden.

Wie auch immer es ausgeht: Am Montag werde ich erst mal ausschlafen. Dann habe ich ein paar Interviews, darauf eine Untersuchung am Institute of Neurology an der Uni London. Dort wird mit Kernspintomografie mein Gehirn gescannt, während ich Gedächtnisaufgaben erledige. Das Forscherteam will sehen, welche Hirnareale aktiviert werden und ob bei mir diese Areale größer, aktiver und ausgeprägter sind als bei anderen. Ich glaube das nicht. Alle Menschen haben ein gleich gutes Gedächtnis - nur einige haben gelernt, seine Funktionen viel besser zu nutzen.

Dienstag heißt Rückkehr ins normale Leben: Patentschriften bearbeiten und vor allem meine Seminare für Mentaltraining aufbereiten, die ich ab Herbst wieder gebe. Manager sollen dabei lernen, ihre Kreativität, Fantasie und ihr Visualisationsvermögen zu optimieren. Je nach dem Londoner Ergebnis wird aber abends noch gefeiert. Auf den Mittwoch freue ich mich besonders. Dann treffe ich meine Freunde von der Freiwilligen Feuerwehr Garching. Mit denen spiele ich am späten Nachmittag immer mit großem Spaß Fußball. Danach, hoffe ich, werden wir zumindest den einen oder anderen Kasten Bier löschen.