Etwas ist geschehen: Das Leben hat sich in dieses Gesicht eingeschrieben, ein Hauch von Hemingway, kein blödes Grinsen mehr. Al Gore ist Philosoph geworden. Jedenfalls in der Antike waren die Philosophen Bartträger, und Gore kommt soeben aus dem antiken Rom. Er hat Distanz gesucht zu den Geschehnissen in seinem Heimatland, die ihn nicht zum Präsidenten gemacht haben, gefunden aber hat Al Gore vor allem Distanz zu sich selbst. In der Distanz zwischen selbst und sich aber vermag sich seit jeher die philosophische Reflexion einzunisten, die aus dem Selbst ein anderes zu machen vermag - abendländisches Kulturgut par excellence.

Was mit einem altertümlichen Wort "Selbstbesinnung" genannt wird, bedarf meist eines Anstoßes von außen. Im Falle von Gore war dies offenkundig der erste Karriereknick, wenngleich auf hohem Niveau. Vielleicht war dies das größte Problem seines vorherigen Lebens: dass alles glatt gelaufen ist, dass auch sein Gesicht zu glatt war, zu glatt für einen Präsidenten in spe. Nun aber hat Gore sich mit sich selbst befasst. Psychologen würden sagen, er habe seine "Identität" gesucht, gefunden, verändert, was auch immer. Aber man muss im Begriff der Identität wohl die Lebenslüge des modernen Menschen sehen: Verbissen strebt er danach, sich selbst gleich zu bleiben, und muss dieses Ziel doch stets und zwangsläufig verfehlen, da die Moderne per definitionem Veränderung abverlangt, immer aufs Neue.

Selbstbesinnung ist nicht notwendigerweise die Suche nach Identität, sondern das Überdenken dessen, was wichtig ist für dieses Selbst; ein Auseinanderlegen, um es neu zusammenzufügen zu einer Kohärenz. Das Selbst ist nicht einfach nur ein Gegebenes, sondern eines, das zu verfertigen ist und dessen Form grundsätzlich auch transformiert werden kann. In der Reflexion wendet es sich auf sich selbst, um sich darüber klar zu werden, welche Beziehung zu welchem Menschen, welche Grundüberzeugung, welcher Traum, welche traumatische Erfahrung den Kern dieses Selbst ausmachen soll.

Das Kern-Selbst ist eine Frage der Festlegung, und es sind kaum mehr als fünf oder sechs Eckpunkte, die diesen Kern definieren und die bei der Selbstbesinnung zu überdenken sind.

Ganz offensichtlich hat Al Gore in sein Kern-Selbst eingegriffen und seine Kohärenz neu disponiert. Wenn nicht alles täuscht, sind zum ersten Mal Ecken und Kanten gebildet worden, kurz: Unverwechselbarkeit. Die Kohärenz sorgt für den inneren Zusammenhalt in der selbst verfertigten Form. Auch die Ruinen des abgelebten Lebens, die zerbrochenen Beziehungen, die Fragmente und Widersprüche haben da ihren Platz und müssen nicht mehr um der Herrschaft eines identischen Ichs willen aus dem Selbst hinausgeworfen werden. So kommt es zu einem inneren Gesellschaftsbau der Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen, bei dem sich ein klares Selbst herauskristallisiert, das ein Verhältnis zu sich selbst unterhält. Dieses Selbst kann sich zugestehen, Fehler zu machen, denn es hat keinen makellosen Kreis des Identischen mehr zu bewahren.

Schon der bärtige Philosoph Aristoteles hielt viel von jenen, die ihr Selbstverhältnis klären, Einigkeit in sich selbst herstellen "und das verwirklichen, worin sie für sich das Beste erblicken". Schließlich geht es darum, ein schönes Leben zu realisieren.

Die zentrale Frage für Al Gore, wie für uns, dürfte wohl sein: Was ist ein schönes Leben? Eines, zu dem man ganz und gar ja sagen kann? Wir haben Al Gore an dieser Stelle keinen Rat zu geben, wir sind schon froh, ein wenig zu verstehen, was mit ihm geschehen ist. Nur eine Frage: Muss es für ihn die Politik sein?