Kürzlich verkündete eine Tageszeitung unter der Überschrift Der Bann scheint gebrochen: Ist Pseudo-Isidor enttarnt? eine kleine wissenschaftliche Sensation. Einem Mediävisten war es gelungen, durch Schrift- und Tintenvergleiche herauszufinden, wer vermutlich für eine der umfangreichsten Fälschungen der Kirchengeschichte, die Pseudoisidorischen Dekretalen, verantwortlich gemacht werden muss. Nicht, wie lange angenommen, Bischof Hinkmar von Reims, sondern der Abt Paschasius Rodbertus aus dem Kloster Corbie soll im 9. Jahrhundert diese Schriften kompiliert haben, die später für den Ausgang des Investiturstreits von großer Bedeutung waren.

Wer sich als Laie oder Wissenschaftler über Hintergründe und Zusammenhänge solcher Fälschungen, über Personen und Institutionen informieren wollte, griff auch bisher schon zu Metzlers 1998 abgeschlossenem neunbändigen Lexikon des Mittelalters. Nun sind die auf 10 000 Seiten in neun Bänden gedruckten rund 36 000 Artikel dieses einzigartigen Lexikons auch in einer CDROM-Version verfügbar. Deren Vorteile liegen auf der Hand - im buchstäblichen Sinn: Rund 19 Kilo Buch sind in 200 Gramm Metall und Kunststoff verwandelt. Die Daten werden über das Programm AND-CompLEX erschlossen, das mancher Literaturwissenschaftler vielleicht von der CD-ROM-Version des Kritischen Lexikons der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur (KLG) her kennt. Hier jedoch kommt eine in den Details der Navigation erheblich verbesserte Version des Bibliotheksprogramms zur Anwendung.

Über ein Indexfenster steigt man in die verzweigten Themenfelder des Werkes ein: "Klöster, Städte, Personen, Dynastien, Stammtafeln" sind nur einige der Rubriken. Besonders interessant ist die Durchforschung der "Fachgebiete", deren Spektrum von Alchemie über Patristik, Plastik und Schmuck bis Zoologie reicht. Ein Klick auf die Oberbegriffe eröffnet Zugang zu einer Zusammenstellung höchst informativer Artikel. Auch die antiken Quellen mittelalterlichen Weltverständnisses sind erschlossen.

Nicht nur die zum Teil etwas gewöhnungsbedürftigen Suchfunktionen, auch die Ergebnisdarstellung und -sicherung erleichtern die Arbeit mit der CD-ROM. Durch Mausklick lassen sich gefundene Artikel aus dem Kontext herauslösen und am Bildschirmrand parken - eine Methode, die dem Einlegen von Merkzetteln deutlich überlegen ist. Anmerkungen und Lesezeichen werden in eigenen Ordnern verwaltet, alles lässt sich ausdrucken oder in die Textverarbeitung kopieren. Leider ist dies mit den grafischen Darstellungen des Werkes nicht möglich. Doch wird man das vermutlich auch kaum wollen, denn sie sind ohne Nachbearbeitung eingescannt und wirken unscharf und unansehnlich. Das ist Schlamperei, vor allem angesichts des beachtlichen Preises der CD-ROM.

Der Streit, welche Art der Digitalisierung - Doppelerfassung oder OCR - genauer sei, kann mit guten Beispielen neu entfacht werden. Da sich OCR (Optical Character Recognition, also optische Zeichenerkennung mittels Computer) wegen der Sonderzeichen von selbst disqualifizierte, ist das Lexikon des Mittelalters von zwei Gruppen manuell erfasst worden. Doch selbst der nachträgliche Korrekturvergleich dieser beiden Fassungen hat nicht annähernd alle Fehlübertragungen ausgeschlossen, wie ein Blick in den Index verdeutlicht.

Überhaupt zeigt ein bisschen Stöbern im Index schnell Schwächen auf, die Nutzern der Printausgabe verborgen bleiben. Da die Artikel der rund 3000 Beiträger unverändert übernommen wurden, existieren unterschiedliche Schreibweisen von gleichen Begriffen fort, die eigentlich ausgeschlossen werden könnten. Ob ein "Zähltisch" oder ein "Zahltisch" benutzt wurde, um Geld zu wechseln, ist in der Sache gleich. Hingegen macht es einen Unterschied, ob "Zählungen" durchgeführt oder "Zahlungen" geleistet wurden.

Überhaupt machen die Suchmöglichkeiten die Schwächen begrifflicher Durcharbeitung deutlicher erkennbar. So enthält zwar der Index das Stichwort "Dynastie", es gibt sogar eine Rubrik mit einer langen Liste von Herrscherfamilien, aber das Lexikon selbst gibt keine Erklärung oder Geschichte des Begriffs. Die muss man über den Gesamtindex oder durch Volltextsuche aus den einzelnen Beiträgen etwa zum Dynastieverständnis der byzantinischen Kaiser herausklauben.