Früher war die Schaabe an der Nordostküste Rügens reiner FKK-Strand, sieben Kilometer weißer Sand, kein Fetzen Stoff. In den letzten Jahren kommen immer mehr "Textiler" her, wie es hier stets ein wenig distanziert heißt. Nach der Wende waren viele Stammgäste erst mal in andere Länder gefahren, die neue Reisefreiheit genießen. Als sie an "ihre" Ostsee zurückkehrten, trauten sie ihren Augen kaum, ob der textilen Invasion aus dem Westen. Heute haben die meisten Seebäder ihren Hauptstrand für bekleidete Gäste reserviert. Häufig werden die Nackten sogar hinter den Hundestrand verbannt.

Aber jetzt naht Rettung, seeseitig: Karsten ist mit der Nacktenquote zufrieden, gibt das Signal zum Landgang. Das kleine Beiboot wird klargemacht.

Hätten die Strandbesucher ein Fernglas, sie könnten ahnen, was sie erwartet. "Willkommen in Frankreich" steht etwas zu klein auf einem Transparent zwischen den beiden Masten des niederländischen Schoners Catherina, 1920 als Minenräumer gebaut. Nun will die Catherina eindeutig zivil landen, aber mit einem Überraschungseffekt wie einst die Alliierten in der Normandie. Die Planung ist generalstabsmäßig vorbereitet. Karsten schwimmt schon mal voraus, sondiert inkognito das Terrain.

Kaum ist das voll bepackte Beiboot auf den Strand gezogen, greift er zum Megafon. Splitterfasernackt spricht der Animateur zur überraschten Strandbevölkerung: "Mesdames et Messieurs, dürfen wir Sie ssu uns einladdön, wir abbön ein gleinö Uberraschüng für Sie vorrbereitöt." Hinter seinem Rücken entsteht in Windeseile eine Filiale des französischen Fremdenverkehrsamts. Auf zwei Tischen stapeln sich Prospekte, Getränke, T-Shirts, Sonnenhüte, Frisbeescheiben - alles Marke "Willkommen in Frankreich".

Der Strand erwacht aus seiner mittäglichen Lethargie. Nach einem Vormittag unter der sengenden Augustsonne ist eine Abwechslung willkommen. Die ersten Neugierigen nähern sich zaghaft. "Wat is dat?" - "Irgendwas mit Natur und Frankreich", übersetzt die große Schwester das Werbebanner für Naturisme en France irgendwie richtig. Der Duft beseitigt den letzten Zweifel: tatsächlich, warme Croissants. Und was es mit der Natur auf sich hat, erklärt der Blick auf die Broschüre FKK in Frankreich - oder auf die Zipfel der Animateure, die gleich dahinter hängen.

"Kein Portemonnaie dabei", sagt ein braun gebrannter Nackedei und zuckt mit den Achseln, wie zum Beweis, dass sich darunter nichts verbirgt. Der vierschrötige Brecht bricht den Bann. Der junge Belgier, von der Natur prächtig ausgestattet, teilt ungeniert französische Hörnchen aus. Es gibt etwas umsonst! Bald ist der Info-Stand nicht mehr zu sehen vor lauter Haut. Feste Haut und schlabbrige, sandige und frisch geölte. Handtuchmuster. Tätowierungen. Dürre Jungen zeigen ihre Rippen, die Mutter den Kaiserschnitt dazu. Faltengebirge, die bei jedem Schritt mitwogen. Und immer wieder übel verbrannte Hintern von Gelegenheitsnackten.

"Ich bade hier seit 1970 nackt", sagt ein stattlicher Mittsechziger aus dem Thüringischen. Das nackte Strandleben ist für ihn der Inbegriff von Freiheit. Ein noch älterer Kämpe für die nackte Sache, nur mit einer "Willkommen in Frankreich"-Jutetasche bekleidet, erinnert sich an 1953, offenbar nicht nur in Ost-Berlin ein heißer Sommer: "Damals gab es hier auf der Schaabe 300 Meter FKK-Strand. Wir haben uns mit ein paar Jungs untergehakt und den Textilstrand aufgerollt." Nur wenn die Vopos kamen, hieß es kurz: Hosen an. "Abends waren alle nackt." Das FKK-Schild wanderte jedes Jahr ein Stückchen weiter, bis es irgendwann ganz verschwand - zusammen mit den letzten Textilern. Ein Brandenburger, als "gelernter Ostdeutscher" quasi naturgemäß FKK-Fan, erzählt wehmütig, wie sie hier früher Spaziergängern die Hosen runtergezogen haben. Glückselige Zeiten: "Am Strand waren alle gleich. Da hat der Generaldirektor genauso im Sand gehockt wie seine Werktätigen."