Jedes Jahr wieder kann man in Salzburg vor den Festspielpremieren die schönsten Schnappschüsse vom kulturverliebten Geldadel machen. Unvergleichlich, wie sich bei der Wagenauffahrt die Damen in schulterfreien Roben aus den Ledersitzen schälen und dabei manieriert die Hälse verdrehen wie die ziselierten Rokokopferde am Mozartbrunnen hinter dem Dom. Unnachahmlich, wie der ortsansässige Paparazzo jede Lady Neureich mit Worten einspeichelt: "Sehr schön, die Dame ... Können S' nicht ... danke sehr." Faszinierend, wie dem amerikanischen Multimilliardär die "Was kostet die Welt"-Allüre schier aus den Smokingknopflöchern platzt, weil sein groß angelegtes Geldwäscheprojekt, Spekulationsmillionen in mäzenatischen Edelmut umzuwandeln, so prima vorankommt. Ewiges Salzburg, an dem sich seit Karajans Zeiten nicht viel geändert hat. Man spürt, dass die Kunst manchem Festspielgast nach wie vor nur dazu dient, das blasierte Lebensgefühl ein wenig hochschäumen zu lassen. Ansonsten soll sie nicht weiter stören: "Stoßt an, stoßt an."

Die Gegenreaktion liegt freilich auf der Hand: Reizbare Künstlergemüter fühlen sich herausgefordert, solch spätfeudalen operettenhaften Selbstdarstellungsritualen ein paar Pferdeäpfel hinterherzuwerfen. Gerard Mortier, der Salzburger Festspielchef, hat sich dieser Versuchung am letzten Premierenwochenende seiner zehnjährigen Amtszeit noch einmal hingegeben. Während andere Intendanten zum Abschied ein kulinarisches Edelmenü kredenzen, hat er sich einen Skandal bestellt, eine allerletzte Attacke auf all jene Salzburger und Wiener Kreise, die ihn immer bekämpft haben, ein Österreich-Schlachtfest am geeigneten nationalheiligen Objekt - der Fledermaus von Johann Strauß. Und Hans Neuenfels, der beauftragte Regisseur, hat den eiskalten Stückekiller gegeben, der er seit einigen Jahren eigentlich gar nicht mehr ist.

Die Höchststrafe wird im zweiten Akt dieser Inszenierung verhängt, wenn sich alle auf das rauschende Champagnerfinale freuen. Zuerst erklingt als böse Pointe vom Band der Kaiserwalzer in einer Kammermusikbearbeitung von Arnold Schönberg ("wie Strauß ein sehr, sehr populärer Österreicher"), und dann baut sich Prinz Orlofsky wutschnaubend am Bühnenrand auf und brüllt dem Publikum ins Gesicht: "Ihr kotzt mich alle an! Mir reicht's! Raus! Alle!" Die Darsteller und die Musiker im Orchestergraben flüchten, das Licht geht an, und die Salzburger Premierengäste werden so rüde wie nie zuvor in die Pause geschickt, ganz ohne Dreiviertelschwung und "Feuerstrom der Reben, tralalala". Gnadenlos schlägt die Rache der Fledermaus zu. Auch das heiß geliebte Orlofsky-Couplet Ich lade gern mir Gäste ein muss dran glauben. Neuenfels lässt es vom Stimmperformancekünstler David Moss in elektronisch verstärkten Fiep- und Grunztönen verröcheln. Im Johann-Strauß-Wien von 1873 entdeckt er nur Pogromstimmung, pervertierte Staatsgewalt, Frühformen des Austrofaschismus. Blutbeschmierte Hände werden in Champagnerkübeln gewaschen, zersägte Leichen im Koffer vorbeigetragen. Das verklemmte, notgeile Wiener Straßenvolk zeigt immerzu seine schlampige Unterwäsche. Elisabeth Trissenaar als Gefängniswärter Frosch peinigt das Publikum mit Gedichtrezitationen von Gottfried Benn und dem Dadaisten Hugo Ball. Jede Form von Witz muss an diesem Abend verenden wie der Pferdekadaver, der vor einem Fiaker mit finalem Achsbruch auf der Bühne liegt.

Der Regisseur hat wirklich nichts ausgelassen in seiner Inszenierung, vom kollektiven Koksrausch bis zu den schwulen und päderastischen Neigungen des Gabriel von Eisenstein. Und dabei hat er doch nie das Entscheidende entdeckt: eine Leidenschaft für den Gegenstand. Seinem Vernichtungsehrgeiz haftet etwas Pflichtschuldiges, Unfrohes, Krampfiges an. Lustlos kotzt Neuenfels dem Publikum die Provokationen vor die Füße, die alle von ihm erwartet haben. Qualvoll schleppt sich der Abend dahin. Zumal auch die Sänger eher schwach bleiben und der hysterische Schwung von Mark Minkowski am Pult des Salzburger Mozarteum-Orchesters zwischen den überstrapazierten Dialogszenen seltsam verloren wirkt.

Vielleicht erfüllt diese Fledermaus-Produktion am Ende der Mortier-Ära ja vor allem eine psychologische Funktion: Sie dient der finalen Triebabfuhr aller Beteiligten nach einer Dekade der leidenschaftlichen Auseinandersetzungen und der Hassliebe. Der Intendant hatnoch einmal deutlich gemacht, wie gaga er die vernagelte Traditionsgläubigkeit findet, die unter den selbst ernannten österreichischen Kulturverwesern nach wie vor grassiert, und wie sehr ihm das Kunstverständnis von "Klerus und Kleinhändlern, Taxifahrern und Hoteliers" auf die Nerven geht, die er in seinen letzten Interviews in Salzburg plötzlich wieder an der Macht sieht. Die Wiener Presse wiederum kann noch einmal gegen die scheidende Festspielleitung pesten, was das Zeug hält. Auch die Ewiggestrigen im Publikum haben Gelegenheit, ihrem Unmut über die ganze Mortier-Ästhetik lautstark Luft zu verschaffen (und heimlich dem seligen Karajan hinterherzuweinen).

Annäherung an die Moderne

Das Bild wirkt fast schon wieder rührend: Zum Abschied liegt man sich ein letztes Mal in den Armen, um sich noch einmal gegenseitig zu versichern, dass man sich eigentlich nie hat riechen können. Sehr österreichisch, das Ganze. In seiner spitzzüngigen Eloquenz und seiner Intrigenresistenz war Mortier sowieso immer die ideale Komplementärfigur zum durchtriebenen Wien. "Zwoa aus Ottakring, die ghören zam", singt die Trissenaar als Running Gag in der Fledermaus, "weil sie zwa Zwetschgn san vom selben Bam."