Historiker, Staatsmann, publizistischer Pädagoge und viel gefragter Regierungsberater - Henry Kissinger ist eine einmalige Erscheinung. Wer den vielen Dimensionen seines Wirkens gerecht werden will, stellt ihn sich am besten als eine Figur vor, die zu gleichen Teilen aus Leopold von Ranke, Otto von Bismarck, Raymond Aron und McKinsey besteht. Was die unterschiedlichen Facetten zusammenhält, ist seine europäische Geistesprägung: realpolitisches Kalkül, kühle Staatsräson, ein Denken in Gleichgewichtsbegriffen und Interessen. Amerikanischer Missionierungsdrang ist ihm ebenso fremd wie die Sehnsucht vieler seiner Landsleute nach isolationistischer Geborgenheit.

In seinem neuesten Buch - Does America Need a Foreign Policy? - warnt der Emigrant aus Fürth, der es bis zum amerikanischen Außenminister brachte, vor Hegemoniestreben wie vor Isolationismus. Gewiss, Amerika genießt heute eine Vormachtstellung wie kein Imperium der Vergangenheit. Aber das Interesse der Amerikaner an der internationalen Politik war noch nie so schwach ausgeprägt - und dies in einem Augenblick, da sich die Kulissen auf der Weltbühne völlig verschoben haben. Das Ergebnis des Dreißigjährigen Kriegs, die Westfälische Ordnung von 1648, löst sich mitsamt ihren beiden Grundpfeilern auf, der Souveränität der Staaten und dem Nichteinmischungsgebot - Kissinger konstatiert es nicht ohne Bedauern. Die Globalisierung hat vielen ungeahnten Wohlstand gebracht, zugleich aber auch neue Armut und politische Brüchigkeit. Kissinger bangt vor der Legitimitätskrise, die unausweichlich wäre, wenn im Globalisierungsprozess der Ausgleich zwischen den Begünstigten und den Benachteiligten misslänge.

Als Schriftsteller, als Minister, als Vortragsredner und Kolumnist hat Henry Kissinger seit 40 Jahren gegen das gedankenlose Durchwursteln angepredigt. Er verlangt Konzepte. In seinem jüngsten Werk entwirft er solch ein Konzept. Scharfsinnig verknüpft er die aktuelle Analyse mit der geschichtlichen Entwicklung und dem Ausblick auf die Zukunft. Kontinent für Kontinent leuchtet er mit den Scheinwerfern seines Intellekts, seiner historischen Kenntnis und seiner politischen Erfahrung aus.

Das Entstehen eines vereinigten Europas hält Kissinger für "eines der revolutionärsten Ereignisse unserer Zeit". Dabei plagt ihn heute wie vor 30 Jahren die Sorge, die Europäer könnten ihre neue Gemeinschaftsidentität vor allem in der Rivalität zu Amerika festigen wollen. Dies hielte er für fatal, denn es würde die Amerikaner zum Gegenschlag herausfordern. Doch will er nicht, dass die transatlantischen Partner sich auseinander leben. Europa würde damit zum bloßen Wurmfortsatz, ja: zur Geisel Asiens; Amerika aber geriete gegenüber der Alten Welt in eine geopolitische Randlage wie Britannien während des 19. Jahrhunderts. Kissingers Rezept: Amerika darf weder Hegemonie über die Europäer anstreben noch sich von ihnen isolieren; Europa jedoch dürfe weder weltpolitisch abdanken noch sich in die Rolle des Rivalen zu den Vereinigten Staaten stürzen. Die Nato solle beibehalten, wiewohl nicht unbedingt bis 50 Kilometer vor Petersburg ausgedehnt werden. Daneben plädiert Kissinger für eine Transatlantische Freihandelszone und, zur Behandlung umstrittener politischer Fragen, für einen Atlantischen Steuerungsausschuss.

Lateinamerika, Afrika gelten zwei instruktive Kapitel. Nahost? Die Situation ist noch nicht reif für eine Lösung, befindet Kissinger; realistisch ist fürs Erste allenfalls eine "ausgehandelte Koexistenz". Kissinger empfiehlt, hart zu bleiben gegenüber dem Irak ("... bis Saddam weg ist, und sei es aus aktuarischen Gründen"). Nachdrücklich tritt er dafür ein, den Produkten Afrikas unsere Märkte zu öffnen und den armen Ländern ihre Schulden zu erlassen.

Den Problemen Asiens und den dort lauernden Gefahren widmet Kissinger ein ausführliches Kapitel. Er sieht Indien als künftige Großmacht. In Japan werde das vor uns liegende Jahrzehnt zeigen, ob es mit seiner alternden Bevölkerung und seiner verkrusteten Bürokratie fähig sei, sich der neuen Welt anzupassen - oder ob es doch mehr einem Marathonläufer ähnele, dessen Vorankommen man nicht Kilometer für Kilometer beurteilen dürfe, sondern erst am Ende des Rennens erkennen könne. China berge am ehesten das Potenzial, zum Rivalen der Vereinigten Staaten aufzuwachsen, aber frühestens in einem Vierteljahrhundert. Kissinger, der Anfang der siebziger Jahre Nixons Öffnung zu Peking angebahnt hatte, mahnt zum Ausgleich. Zwar müsse Amerika jeder Macht entgegentreten, die in Asien die Vorherrschaft anstrebe, notfalls auch allein, eine kluge China-Politik müsse jedoch auf kooperative Beziehungen ausgerichtet werden: "Konfrontation sollte der letzte Ausweg sein, nicht die bevorzugte Option." Das Taiwan-Problem hält er wie das Palästina-Problem vorläufig für unlösbar.

Kissingers Bild in der Geschichte schwankt, frei nach Schiller "von der Parteien Hass und Gunst verzerrt". Auch seine Konzepte und Rezepte werden nicht allenthalben auf Beifall stoßen. Doch kann niemand ihm vorwerfen, dass es ihm an Scharfblick fehle. Auch gehen alle Angriffe ins Leere, die ihm moralische Abgestumpftheit oder gar Abgefeimtheit vorwerfen. Selbst ernannte Ankläger wie Christopher Hitchens, die ihn einer Vielzahl von persönlich zurechenbaren Schandtaten bezichtigen, machen sich schon dadurch unglaubwürdig, dass sie - den Schaum des Fanatikers vor dem Mund - ihre Vorurteile und Verdrehungen für Beweise halten.