"Bedenkt: den eignen Tod, den stirbt man nur. Doch mit dem Tod der andern muß man leben."

Mascha Kaléko, Schriftstellerin

Sie sitzt am Tisch. Neben ihr ein leerer Stuhl. Sie fährt sich übers Gesicht, durch die krausen Locken, faltet die Hände. Hinter ihr die geschlossene Tür. Gelbe kahle Wände. Nichts, was sie ablenken könnte.

Ihre Finger trommeln auf die Tischplatte. Sie ist gut vorbereitet auf diesen Moment, hier im Büro des Staatsanwalts von Nyanza. Sie hat Fotos mitgebracht von ihrer Tochter und den Enkelkindern, ihrer Familie im 8000 Kilometer entfernten Deutschland. Ein Beutel Zucker liegt vor ihr: ein Wunsch des Angeklagten. Sie wollte nicht mit leeren Händen kommen. Sie nimmt einen kleinen Stein vom Tisch. Ein Stück zerschmetterter Dachziegel, das sie seit September 1994 bei sich trägt. Noch einmal Blättern im Notizheft. Sie konnte sowieso nicht schlafen vergangene Nacht, da hat sie alle Fragen aufgeschrieben: "Was waren die letzten Worte meiner Mutter? Wie hast du es getan? Wie konntest du ..., ausgerechnet du ...?" Immer und immer wieder hat sie diesen Moment herbeigezittert, in Tagträumen und Nachtgesichten. Und sich tausendmal gefragt: "Wie werde ich reagieren?" Die letzten Sekunden sind die längsten. Dann klopft es.

Königswinter bei Bonn. Zwei Wochen zuvor. Das Wohnzimmer liegt im Halbdunkel. Eugénie knipst selten die Lampen an, eine alte Gewohnheit - in Ruanda haben nur wenige Häuser elektrisches Licht. An der Wand ein Gedenkstein: "Ihr seid bei uns". Darunter steht: "Susanne Mukangwije 1918-1994, David Ngarambe 1963-1994" - die Mutter von Eugénie Musayidire und der einzige Bruder. Zwei von mehr als 800 000 Opfern des Völkermordes in Ruanda. Grünpflanzen umranken den Stein, ein Beutel mit Tabak liegt davor: Germains Mixture No 7. "Meine Mutter war eine Genießerin. Sie hat gerne Pfeife geraucht. Diesen Tabak hat sie bei mir vergessen." Kerzen brennen am Stein. Eugénie kniet davor.

Seit Anfang der neunziger Jahre hatte sich Eugénies Mutter mehrmals auf den Weg gemacht aus ihrem Dorf in Ostafrika nach Königswinter, wo sie den Sommer bei ihrer Tochter verbrachte. Der letzte Besuch endet im September 1993. "Hätte ich sie doch überredet, hier zu bleiben! Aber sie wollte nicht. Der Winter war ihr zu kalt in Deutschland. Niemand ahnte, was in Ruanda geschehen würde." Eugénie ist 48. Ihre Familie gehört in Ruanda zur Minderheit der Tutsi. Anfang der siebziger Jahre musste sie vor den aufständischen Hutu-Milizen fliehen, so kam sie nach Deutschland. Heute arbeitet sie bei der evangelischen Kirche. Seit dem Völkermord in ihrer Heimat zieht sie durch Gemeinden und Schulklassen mit der Botschaft: "Plus jamais ça" - "Nie wieder!"

Als im April 1994 von Regierung und Rundfunk aufgestachelte Hutu über die Tutsi herfielen, verfolgte Eugénie die Ereignisse ohnmächtig vor dem Fernseher. Verzweifelt bat sie Hilfsorganisationen, sie mit nach Ruanda zu nehmen, damit sie ihre Mutter retten könnte. Erfolglos. Zu gefährlich, hieß es. Am 4. Juli eroberte die Rebellenarmee der Tutsi die Hauptstadt Kigali. Der Genozid war zu Ende. Zwei Monate später erhält Eugénie einen Stein aus den Trümmern ihres Elternhauses in Kaguli am Rande der ehemaligen Königsstadt Nyanza. Dazu ein Protokoll. Augenzeugen berichten, ihre Mutter sei von einem Hutu mit der Axt erschlagen worden. Von einem Nachbarn. Sein Name: Nsanganira Eugène. Eugénie kennt den Mann. Als Kind hat sie mit ihm gespielt.