Ein Versehen war es nicht. Im Sommer 1998, so kann man im stern nachlesen, erhalten die Hinterbliebenen eines jungen Mannes, der beim ICE-Unfall von Eschede sein Leben verloren hat, ein Schreiben der "Bahn-Haftpflichtgruppe Hannover". Darin schreibt der Angestellte W., er habe erfahren müssen, mit welchen Schwierigkeiten Herr R. "wegen des Unfalltodes seines Stiefsohnes zu kämpfen hat". Die deutsche Bahn-Haftpflichtgruppe "bedauert das sehr. Es scheint, dass unser gut organisierter Staat einen solchen Tribut fordert."

Dem Behördensatz mangelt es weder an Kaltblütigkeit noch an spekulativer Energie. Er lässt keinen Zweifel daran, dass der "gut organisierte Staat" und das individuelle Opfer in einem Zusammenhang stehen. Aber in welchem? Zählt das Opfer zum Betriebsgeheimnis des Staates? Würde der Staat ohne Opfer gar nicht funktionieren?

Die Rede vom "Opfer" ist im Deutschen doppeldeutig. Es ist einmal das Opfer, das man zu bringen hat - und das Opfer, zu dem man gemacht wird. Auch Gerhard Schröder und Roland Koch, die den Streit um "Faulenzer und Drückeberger" ausgelöst haben, spielen mit der Doppeldeutigkeit des Wortes Opfer. Während Sozialhilfeempfänger und Arbeitslose sich als Opfer bezeichnen, fordern Politiker von den "Betroffenen", sie sollten ein Opfer bringen und auf die fleißige Ausübung von Faulheit verzichten. Wer die drohend ausgestreckte Hand des Staates aussschlage, müsse sich auf ein "sehr bescheidenes Leben einstellen, bis hin zur Wohnunterkunft". So verkehrt sich das Unrecht, das dem Einzelnen widerfährt, wenn er aus dem Kollektiv der Arbeitenden ausgeschlossen wird, gleich doppelt: in das Unglück, das er selbst verschuldet, und in die Schande, die er nun zu tragen hat.

Denkt man zurück, dann hatte die Neue Mitte zwischen Schröder und Blair das Opfer abgeschafft. Es war überflüssig und ein Relikt der kapitalistischen Vorgeschichte. Heute, wo das Versprechen auf Vollbeschäftigung vertagt ist, hält die Rede vom "Opfer" wieder Einzug in die Politik. Doch an seiner Rhetorik klebt ein mythischer Rest. Mythisch ist die Annahme, wer heute ein Opfer bringe, werde morgen in barer Münze belohnt; mythisch ist die Annahme, man könne durch ein persönliches Opfer die Götter des Wachstums gnädig stimmen, sich der künftigen Arbeit als würdig erweisen und den Ausgleich des Schicksals herbeiführen. Fortan sind diejenigen, die sich mit einigem Recht als Opfer ökonomischer Vorgänge fühlen, Mitschuldige, die ihre Schuld nur abstreifen können, wenn sie selbst ein Opfer bringen. Sichtbar. In Parks. In öffentlichen Gebäuden. Vor aller Augen. Das Recht auf Arbeit verwandelt sich in die Pflicht, den sichtbaren Beweis für die eigene Verwendbarkeit anzutreten.

"Wer kann, muss ran", sagt Heide Simonis (SPD). 1500 "Arbeitsscheuen" hat man in Kiel die Unterstützung gestrichen, denn die Instrumente des Staates, seine Möglichkeiten zur sanften Repression, sind durchaus eindrucksvoll. Doch die Politik des Opfers ist bloß symbolische Politik. Ihr geht es nicht um das strukturelle Dilemma des Sozialstaates, der oft eine soziale Desintegration befördert, die dann mit neuen Sozialleistungen befriedigt werden muss. In der Politik des Opfers geht es darum, die Angst, entbehrlich zu werden, auf Arbeitslose und Sozialhilfeempfänger umzulenken und die Gesellschaft symbolisch zu integrieren. Die Politik des Opfers stellt sich taub für die Ursachen der Arbeitslosigkeit; sie vernebelt das Bewusstsein für gesellschaftliche Ungerechtigkeit.

"Jede Arbeit ist besser als keine." Vielleicht spricht aus der Politik des Opfers auch ein unfehlbares Gespür, dass es in der Gesellschaft immer weniger auf Arbeit ankommt und der industrielle Fortschritt mehr Arbeitsplätze beseitigt, als er erzeugt. Zum Fetisch wird die Arbeit erst im Augenblick ihrer Krise. Das ist die Wahrheit, die Politiker dem Publikum verschweigen, weil sie ihre strategische Illusion, die Illusion der Vollbeschäftigung, nicht opfern wollen. Doch mit der Rede vom Opfer kapituliert die Politik vor der fantastischen Herausforderung, die Gesellschaft so zu verwandeln, dass sich die Frage, ob die Arbeit ein Opfer ist oder Opfer verlangt, gar nicht mehr stellt.