die zeit: Im vergangenen Jahr waren die Zeitungen einen Sommer lang gefüllt mit zahlreichen Meldungen über rechtsextremistische Straftaten. In diesem Jahr gibt es zwar genauso viele Taten, aber kaum Meldungen. Woran liegt das?

Wolfgang Thierse: Wie alle anderen Themen unterliegt auch der Rechtsextremismus medialen Konjunkturen: Wenn einige Wochen lang heftig darüber geredet wurde, entsteht ein gewisser Überdruss. Insoweit ist dies weder neu noch besonders aufregend. Es ist nur bedauerlich.

zeit: Hat die Sommerdebatte des vergangenen Jahres über Rechtsextremismus außer diesem gewissen Überdruss noch etwas gebracht?

Thierse: Ja. Die Wahrnehmung von Ausländerfeindlichkeit und Rechtsextremismus hat sich verändert, sowohl bei Bundes- und Landespolitikern als auch bei Polizei, Justiz und Journalisten. Das Problem ist zwar nicht kleiner geworden: Die Zahl rechtsextremistischer Straftaten steigt, die Zahl gewaltbereiter Rechtsextremisten hat sich seit 1991 mehr als verdoppelt, ebenso - allerdings innerhalb nur eines Jahres - die Zahl rechtsextremistischer Internet-Seiten. Was sich verbessert hat, ist die Bereitschaft der Gesellschaft, sich dem Thema zuzuwenden. Vor einem Jahr noch bin ich für mein ZEIT-Gespräch über Rechtsextremismus besonders in Ostdeutschland beschimpft worden. Heute wirft mir niemand mehr vor, dass ich dramatisiere und übertreibe.

zeit: Sie besuchen seit Jahren Initiativen, die sich gegen Rechtsextremismus engagieren. Haben sich deren Arbeitsbedingungen verändert?

Thierse: Die finanzielle Situation hat sich für die meisten erheblich verbessert. Das Erschrecken über Rechtsextremismus im vergangenen Sommer führte unter anderem dazu, dass Bund und Länder Förderprogramme gestartet haben. Nun sollte man erst einmal nicht nach mehr Geld rufen, sondern die Mittel so vernünftig und effektiv wie möglich einsetzen.

Verbessert hat sich auch die psychologische Situation der Initiativen vor Ort. Sie haben nicht mehr das Gefühl, allein auf weiter Flur zu stehen - wobei es da Unterschiede gibt. Ein positives Beispiel ist sicher Guben: Vor zwei Jahren wurde die Stadt bekannt durch die tödliche Hetzjagd auf einen algerischen Asylbewerber; der Gedenkstein, der an die Tat erinnert, wurde in der Folgezeit immer wieder geschändet. In diesen Tagen ist Guben wieder ins Licht der Öffentlichkeit gerückt, aber diesmal, weil sich Bürger und die dortige Kirchengemeinde für eine vietnamesische Familie eingesetzt haben, die abgeschoben werden sollte. Und das Mahnmal wird inzwischen von Gubener Bürgern gepflegt und geschützt. Das sind doch wunderbare Nachrichten!