München

Es war eine regelrechte Flut von Anfragen. Anfang vergangener Woche hatte Michael Witti, bekannt als Anwalt der NS-Zwangsarbeiter, Andeutungen gemacht, er werde Lipobay-Mandate annehmen. Ende der Woche musste er das Telefon seiner Münchner Kanzlei abschalten. Kein Anschluss mehr unter dieser Nummer. Nur noch eine Ansage, auf Deutsch und ebenso auf Englisch, mit Wittis breitem bayerischen Akzent: Wer sich von dem Lipid-Senker geschädigt fühle, möge bitte ein Fax schicken. Keine Angst, Fristen wird niemand verpassen. Und keine Sorge, für Richter und Journalisten sind Sonderleitungen geschaltet. Die Wahrheitsfindung soll nicht von der Flut mitgerissen werden. Und die Kunde vom Werk des guten Anwalts Witti nicht im Tosen untergehen.

Neun Jahre hat der "Bua" aus München Jura studiert. Er scheut sich nicht zu sagen, "18 Semester gebummelt". Weitere sechs Jahre plätscherte sein Leben gemächlich dahin - in jener ersten kleinen Kanzlei, die er geerbt hatte vom Vater einer Freundin. Dieser schon war spezialisiert auf die Entschädigung von Holocaust-Opfern. Die Verfahren flossen träge durch die Mühlräder der Justiz. Auch der Erbe Witti sah lange keine Möglichkeit, sie zu beschleunigen. Bis er 1996 sein erstes internationales Mandat erhielt und damit an einer amerikanischen Sammelklage gegen Schweizer Banken wegen des "Nazigolds" beteiligt wurde.

Mithilfe einer Mandantin hatte Witti Kontakt zu dem New Yorker Anwalt Edward Fagan aufgenommen. Über Nacht rückte er in eine andere Liga auf. Eine, die von amerikanischen Unternehmen als "Class Action Mafia" gefürchtet wird. Eine, in der nicht mehr zu den Sätzen der "Brago", der Bundes-Rechtsanwalts-Gebühren-Ordnung, abgerechnet wird. Eine, in der "Verträge entsprechend befriedigen" (Witti).

"Also 500 Dollar pro Stunde?"

"Ja, so in die Richtung."

Jetzt rast Witti im Porsche am Sonntag nach einer Wochenendkonferenz im österreichischen Wels (wegen des Bergbahnunglücks in Kaprun) zurück nach München (Interviews, Akten aufarbeiten). Dienstag fliegt er nach New York (zwecks "Positionierung" in Sachen Lipobay).