Thomas Weiss hat Grund zur Fröhlichkeit und dennoch eine ernste Miene aufgesetzt. "Es gibt keine Lobby für die Gartenkunst", sagt er und weiß, wovon er spricht. Thomas Weiss ist Direktor der Kulturstiftung Dessau-Wörlitz und damit Herr über ein einzigartiges Architektur-, Kunst- und Gartenensemble. Ein Wunderwerk, das jetzt ins Scheinwerferlicht der kulturell interessierten Welt geraten ist.

Eine Fläche von 145 Quadratkilometern umfasst der Denkmalbereich der Stiftung, über 70 historische Gebäude gehören dazu, vom Schloss und Park Oranienbaum über die Schlösser Großkühnau und Mosigkau und das Dessauer Georgium bis hin zum bezaubernden Landschlösschen Luisium, das 1998 nach vorbildlicher Restaurierung wiedereröffnet werden konnte. Kern und Herz des so genannten Dessau-Wörlitzer Gartenreichs aber ist der Garten von Wörlitz, ein Gesamtkunstwerk aus Landschaft, Architektur und Kunst, in dem nichts zufällig und alles schön ist, ein komplexes System aus Botschaften, Genüssen und Ideen, ein Konzentrat eines Weltbildes auf wenigen Quadratkilometern. Die Welt zeigt sich hier in verkleinertem Maßstab von ihrer besten Seite. Der Park versteht sich als Wirklichkeit gewordene Utopie. In Wörlitz ist es nicht nur gelungen, einen schönen, alten Park zu erhalten, hier hat der Geist der europäischen Aufklärung umfassend und sinnlich erfahrbar auf eine singuläre Weise überdauert.

Und nun stehen Thomas Weiss und seine Mitarbeiter vor der schwierigen Aufgabe, dieses einmalige Ensemble für kommende Generationen zu erhalten. Die Gartenkunst aber hat keine Lobby und Wörlitz liegt im armen Sachsen-Anhalt, das sich redlich bemüht, die finanzielle Last aber allein nicht tragen kann. Bislang ist es nicht gelungen, dem Gartenreich einen angemessenen Platz im kulturellen deutschen Gedächtnis einzuräumen. Umso wichtiger ist es, dass am 24. August das Dessau-Wörlitzer Gartenreich offiziell in die Liste des Weltkulturerbes der Unesco aufgenommen wurde. Bereits die DDR-Regierung hatte einen entsprechenden Antrag vorbereitet. 1996 beschloss die Regierung von Sachsen-Anhalt, ihn zu überarbeiten. Ende 2000 war die Unesco überzeugt - zum Glück und zu Recht. Nun wird sich zeigen, ob diese höchste internationale Anerkennung dem Propheten im eigenen Lande Gehör verschafft - und wie ernst diese Auszeichnung in Deutschland genommen wird. Die Statuten der Unesco verpflichten die nationalen Regierungen, sich um den Erhalt des Weltkulturerbes aktiv zu bemühen.

Der Wörlitzer Park entstand in einer Zeit, in der die Gartenkunst keine Lobby brauchte. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts wurde sogar erwogen, ihr einen eigenen Sitz in der Akademie der Künste zu gewähren. Das war konsequent, denn in der Gartenkunst fand der Geist der Aufklärung und des 18. Jahrhunderts seine umfassendste konkrete Gestalt, auch wenn uns Kleingärtnern und Stadtparkbesuchern dieser Gedanke fremd und fern sein mag. Nirgends sind die Ideen des späten 18. Jahrhunderts so greifbar wie in seinen Parks. Und nirgends in Deutschland ist ein Park aus dieser Zeit so authentisch und vollständig erhalten wie in Wörlitz. Das liegt nicht zuletzt daran, dass dieser Park schon zu seiner Entstehungszeit so sehr gerühmt wurde, dass er später nicht den wechselnden Moden der Gartengestaltung unterworfen war.

"Flößet, o ihr Hausväter, euren Kindern die Leidenschaft für Gärten ein: sie werden gewiß besser dadurch werden. Möchten doch alle übrigen Künste nur gepflegt werden, um diejenige zu verschönern, die ich predige." Das schrieb, nach ausgedehnten Europareisen, der wallonische Prinz Charles Joseph de Ligne im Jahr 1794. Und er fügte hinzu: "Eine weise Regierung sollte darauf denken, die Gartenkunst und diejenigen, welche ihr ergeben sind, zu beschützen, und die Gutsbesitzer zu vermögen, daß sie ein halbes Jahr auf ihren Gärten zubrächten."

Seit dem bürgerlichen Zeitalter ist es um die ästhetische Komplexität der Gartenkunst nicht mehr so gut bestellt. Der Garten ist jetzt vor allem Volkspark, ein Ort der Erholung für geplagte Städter und der Regeneration erschöpfter Arbeitskräfte. Umso wichtiger ist es, die verbliebenen Gartendenkmäler der Vergangenheit zu erhalten, auch wenn sich ihre Bedeutung vielleicht nicht auf den ersten Blick erschließt. Gerade weil Gärten immer Ausdruck ihrer jeweiligen Zeit sind, muss ihr Verständnis manchmal erlernt werden wie ein abgelegener Dialekt. Wo die Gärten sich, selten genug, im Kern nicht verändert haben, bieten sie die einzigartige Gelegenheit, den Geist einer vergangenen Epoche zu erleben und besser zu verstehen. Für Wörlitz gilt das in besonderem Maße. Nicht zuletzt deswegen wurde das Dessau-Wörlitzer Gartenreich in die Welterbeliste aufgenommen.

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