Tagsüber bietet Uglitsch einen vollkommen anderen Anblick. Ein Wolga-Vergnügungsdampfer nach dem anderen macht am zentralen Landungssteg fest, wo er von Musikern begrüßt wird. Die Kapellen spielen abwechselnd Jazz und Rumtatamusik. Lange Holztreppen führen hinauf zum Stadtpark, an dessen Wegen die einheimischen Händler ihre Waren auf Klapptischen anbieten: farbenfrohe russische Tücher, bemalte Lackdöschen, Holzschnitzereien und Leinentischdecken. Ein paar alte Frauen stehen dazwischen, mit Blumensträußen, Körben voller wilder Erdbeeren oder Küchenkräutern. Lächelnd machen sich die Touristen auf zu den örtlichen Sehenswürdigkeiten. Eine Frau in traditioneller Tracht singt in hohen, schrillen Tönen das Wolga-Boot-Lied, begleitet von einer Ziehharmonika.

Ausländer zahlen das Dreifache

Uglitsch, eine kleine Stadt mit 70 000 Einwohnern, lebt in den Sommermonaten vom Tourismus, sagt Tamara, die in der restlichen Zeit des Jahres Englisch an der weiterführenden Schule unterrichtet, für 20 Dollar im Monat. Die Einheimischen kennen die Fahrpläne der Wolga-Schiffe auswendig. Am beliebtesten sind die Schiffe mit Ausländern. Wenn die anlegen, verdreifachen sich die Souvenirpreise. Die Händler rechnen Rubel in Dollar um, Dollar in Deutsche Mark oder in französische Franc, als hätten sie eingebaute Taschenrechner. An einigen Ständen sind sogar schon Euro-Schilder aufgestellt.

»Aber das Leben bleibt hart, besonders in Sommern wie diesem, in denen es so viel regnet«, erzählt Tamara. Sie verkauft die für Uglitsch typischen Tschaika-Uhren. Das Tschaika-Werk ist in ganz Russland berühmt und - abgesehen vom Tourismus - einziger Arbeitgeber der Stadt. 3500 Menschen arbeiten dort, fast ausschließlich Frauen. Darum sieht man überall Männer in kleinen Grüppchen herumstehen und rauchen. Oder sie liegen betrunken auf einer der Bänke am Ufer der Wolga herum.

»Vor zwei Jahren war die Fabrik so gut wie bankrott«, berichtet der jetzige Verkaufsleiter Sergej Konanykhin. Er ist Anfang 30 und Anhänger des Wirtschaftsliberalen Tschubajs. In acht Jahren Marktwirtschaft hatte der frühere Leiter die Fabrik, die zu sowjetischen Zeiten durchaus rentabel war, sie nahezu in den Ruin geführt. Nach der Privatisierung wurde er praktisch einziger Aktionär der Firma. »Es wurden keinerlei Investitionen getätigt, für den Erhalt der Maschinen gab man nichts aus, und die Gewinne flossen über Tochtergesellschaften ab. Am Ende blieben nur Schulden.«

Nach der Abwicklung des Konkursverfahrens übernahmen Konanykhin und ein Kollege mithilfe des Bürgermeisters von Uglitsch die Fabrik. Zurzeit hält die Stadt die Hälfte der Aktien, die andere Hälfte gehört einer Gruppe von Großhändlern, die bereit waren, in die Tschaika-Werke zu investieren. »Auf die Art konnten wir in Uglitsch Arbeitsplätze sichern. Unsere Uhren halten ein Leben lang. Sie können ohne weiteres neben Tissot und Omega präsentiert werden, nur kosten sie deutlich weniger.«

Die Produktion von fünf Millionen Uhren zu Sowjetzeiten ist jedoch auf jetzt anderthalb Millionen gesunken. Von den 10 000 Angestellten sind nur noch 3500 übrig. Für Konanykhin ist die Unterstützung durch die örtlichen Behörden - den Bürgermeister und bis zu einem gewissen Grad auch den Gouverneur - von großer Bedeutung. Was in Moskau passiert, betrifft ihn kaum. Ob Jelzin oder Putin, Uglitsch ist ziemlich weit entfernt.