Kanzler S. hat wie Tony B. aus GB und Frère Jaques aus F das Problem, die politische Mitte bedienen zu müssen. Und die Mitte will keine Veränderung.

Der Dritte Weg führt ins politische Nirwana, schließlich will man wiedergewählt werden, darum: keine Experimente. Die Zweidrittelgesellschaft der Bessergestellten will alles beim Alten belassen, Privilegien bleiben unangetastet, Unangenehmes bleibt unausgesprochen. Schlimm nur, dass die gegenseitige Korruption von Wählern und Gewählten zur rasanten Abwärtsspirale der moralischen Werte führt. Was heute zählt, ist, den materiellen Wohlstand zu wahren und die intellektuelle Armut zu negieren.

Dr. Ralph Kruger

Was der Konjunktur allenfalls zugute kommen könnte, ohne den unverzichtbaren Sparkurs der Bundesregierung infrage zu stellen, sind branchenspezifische Lohnerhöhungen in Höhe der jeweiligen Produktivitätssteigerung. Und die EZB sollte stillschweigend eine Teuerungsrate bis zu 3,5 Prozent tolerieren, wofür es gute Gründe gibt.

Die Zugeständnisse an die Gewerkschaften sind allerdings kontraproduktiv, weil sie auf die Stimmung in der Wirtschaft drücken, und das wirkt sich schlimmer aus als ein paar nach unten korrigierte Wirtschaftsdaten.

Möglicherweise waren diese Zugeständnisse aber nicht zu umgehen, wenn Kanzler Schröder dem Schicksal von Helmut Schmidt entgehen will.

In einem Land, in dem "Weiter so, Deutschland" ein wirksamer Wahlslogan war und immer noch ist und in dem kollektiv zur Schau getragener Pessimismus geradezu ein Markenzeichen ist, können auch dringende Reformen nur mit entsprechender Zeitverzögerung durchgesetzt werden.