Endlich wurde es ganz offiziell. Festakt am 15. August, an Mariä Himmelfahrt. Kurz nach 12 Uhr hielten Erwin Teufel, der Ministerpräsident von Baden-Württemberg, und Volker Steffens, der Bürgermeister, die Urkunde hoch: die Klosterinsel Reichenau - Unesco-Weltkulturerbe. Feierliches Hochamt, Prozession mit den alten Heiligenschreinen aus dem Klosterschatz, Konzert der Bürgermusik. Die Reichenau lebt in Traditionen. Ein wichtiger Pluspunkt im Wettbewerb um einen Platz auf der Welterbeliste.

Seit 1972 stellt die Unesco Kultur- und Naturgüter zu deren Schutz und Erhalt unter die Obhut der gesamten Menschheit. Voraussetzung: ihr außergewöhnlicher universeller Wert und ihre Authentizität. Das muss genau begründet und penibel nachgewiesen werden. Die Welterbeorte erhoffen sich von der Auszeichnung Prestigegewinn und oft eine höhere Attraktivität als Tourismusziel. Die Ehre zählt. Allerdings: Ein kleiner elitärer Zirkel sind die Welterbestätten längst nicht mehr. 690 Gütern aus 122 Ländern wurde bislang dieses Prädikat verliehen, von der tasmanischen Wildnis über die Altstadt von Tallinn und die Chinesische Mauer bis zum Yosemite-Nationalpark. Allein Deutschland ist 24-mal vertreten - unter anderem mit dem Kölner, dem Speyrer, dem Aachener Dom, mit Wartburg und Weimar, aber auch dem Industriedenkmal Völklinger Hütte.

Aus aller Welt werden 70 bis 80 Anträge Jahr für Jahr eingereicht, 40 bis 50 etwa kommen durch. Auch nach der Anerkennung wird kontinuierlich überprüft, ob das Erbe unescogemäß gehegt wird. Sonst kommt die Stätte auf die Rote Liste des Welterbes in Gefahr. Das wäre Potsdam beinahe passiert, als es ein gewaltiges Einkaufszentrum plante. Solche Eingriffe mag die Organisation gar nicht. Schließlich einigte man sich auf einen Kompromiss.

Geld von der Unesco gibt es für die Anerkennung nicht. Im Gegenteil: Die Mitgliedsstaaten müssen sich um die Pflege ihrer Objekte kümmern. Erbe verpflichtet. Und sie werden nach ihrer Finanzkraft zur Kasse gebeten: Deutschland muss in diesem Jahr 352 342 Dollar in den Welterbefonds einzahlen, Kamerun bloß 100. Den ärmeren Länder hilft jedoch ein millionenschwerer Finanztopf.

Eine Sauarbeit war's, die Bewerbungsunterlagen für die Reichenau zusammenzustellen. Als sich Professor Wolfgang Stopfel, Hauptkonservator am Denkmalamt Baden-Württemberg, Leiter Außenstelle Freiburg, mit seiner kleinen Truppe Anfang 1998 an das Bündeln der Argumente machte, war die erste Hürde zur Anerkennung bereits genommen. Die Insel war schon 1992 in die deutsche Vorschlagsliste aufgenommen worden. Für die ist die Kultusministerkonferenz zuständig: Eine Arbeitsgruppe mit Vertretern der 16 Bundesländer rangelt darum, ihre ausgewählten Projekte für die nächsten Jahre unterzubringen. Für Baden-Württemberg war klar: Die Reichenau muss rein. Allerdings landete sie ziemlich weit unten, nominiert für das Jahr 2000. Erst mal waren die neuen Bundesländer dran.

Die Mönche - längst nicht mehr da

Warum ausgerechnet diese 460 Hektar im Bodensee? Die Klosterinsel Reichenau war zwischen dem 8. und dem 12. Jahrhundert eines der geistlichen und kulturellen Zentren des Heiligen Römischen Reiches ... Die universelle Bedeutung ist in ihren Monumenten heute noch nachzuvollziehen, hieß es im Antragstext für die Eintragung in die Unesco-Liste.