Der Kopf bleibt im Schließfach. Ein für alle Mal weggeschlossen, weil ein paar freche Studenten ihn für ein Fußballmatch missbraucht hatten. Ansehnlich war das getrocknete Haupt von Jeremy Bentham allerdings schon vorher nicht.

Der Mumifizierungsprozess war 1832 katastrophal verlaufen. Das hatte dem verstorbenden Gründer vom University College London einen für die Ewigkeit konservierten unattraktiven Gesichtsausdruck beschert.

Jetzt stecken die Glasaugen, die Bentham angeblich schon zehn Jahre vor seinem Ableben in der Tasche mit sich herumgetragen hatte, in einem formschönen Wachskopf. Unverwandt blicken sie unter der Krempe seines Strohhuts auf die verdutzten Besucher von Londons ältestem College. Mag der Kopf falsch sein, unter Rüschenhemd und Gehrock stecken die echten sterblichen Überreste des exzentrischen Gelehrten, der selbst im Tod in der von ihm ins Leben gerufenen Lehranstalt Wache halten wollte.

Der tote Jeremy Bentham in seiner Vitrine ist ein Beispiel dafür, wie lebendig universitäre Traditionen in Großbritannien sind. Genüsslich zelebrieren die Briten alles, was sich an skurrilen Riten und Gebräuchen in der ungefähr 800 Jahre währenden Hochschulgeschichte der Insel angehäuft hat.

"Unter den Talaren der Muff von 1000 Jahren" würde in Großbritannien als Kompliment aufgefasst werden, wird doch der Talar von Studenten und vom Lehrkörper stolz zu besonderen Anlässen getragen. In Oxbridge (wie die zwei ältesten Hochschulen Großbritanniens salopp zusammengefasst werden) genauso wie an den erst seit kurzem mit der Bezeichnung Universität geadelten ehemaligen Polytechnics, die mit Vorliebe in desolaten Betonbauten aus den sechziger Jahren residieren.

Gerade ausländische Studierende schlüpfen mit unkritischem Entzücken in den schwarzen Fledermausdress. Sei es, wie bei den meisten Hochschulen, nur noch zur feierlichen Entlassung oder - wie zum Beispiel in St. Andrew's, Durham und natürlich Oxbridge - zu Immatrikulation, Kirchgang oder formellem Dinner.

Angeblich wurde der Talar überhaupt erst eingeführt, damit die Gelehrten sich nicht ständig die Kleidung mit Suppe befleckten. Bei der feierlichen Graduierung ergänzt eine Kapuze die universitäre Tracht, je nach Art des Abschlusses mit bunter Seide oder Kaninchenfell gefüttert. Für Tierschützer gibt es eine Variante aus Kunstpelz.